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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Besagte Miß schreibt darüber; »Eine Hausse an der Börse 
bringt auch gewöhnlich eine Hausse in Bräuten. In normalen 
Zeiten stellt nämlich das gute Börsengeschäft den Maßstab dar 
für einen Aufschwung in Han- 
del und Industrie. So hatte es 
das junge Mädchen nach 1870 
gut/ die Männer verdienten da 
mals viel, es gab keine Arbeits 
losen, und so konnten sie denn 
für Frau und Kinder sorgen. 
Es wurde mithin viel geheiratet. 
In den neunziger Jahren des 
vorigen Jahrhunderts vollzog 
sich eine Änderung in den Hei 
ratsaussichten. Die Verhält 
nisse waren nicht mehr so gün 
stig,- man konnte nicht mehr so 
früh heiraten, und die Männer 
bevorzugten ältere Frauen, von 
denen sie wußten, daß sie ihnen 
im Lebenskampf besser beiste 
hen würden. Damals hatte das 
»ältereMädchen« seine guteZeit, 
und selten kam eine Frau vor 
24 Jahren unter die Haube. 
Dann hat die Mode sich wieder 
gewandelt/ man konnte gar 
nicht jung genug heiraten, und 
während des Krieges waren die 
»Backfische« die beliebtesten 
Kriegsbräute. Heutzutage hat 
der Mann im Einklang mit den 
schwierigen Zeiten wieder große 
Bedenken, sich fürs Leben zu 
binden, und es herrscht eine 
Baisse in Hochzeiten« . . . 
Am Ende wird man sich, 
da die Börsenbaisse andauert 
und die Heiratsaussidrten sich 
somit immer weiter verschlech- 
Die Tanz- 
, . . und jeden Sonntag, ob 
prasselnder Regen, ob lachender 
Sonnenschein, ob eiskalt Schnee 
blumen die Fenster schmückten 
oder glühende Hitze die trockene 
Erde durstig nach Regen in 
weite Risse klaffte ... sie trug 
es hinaus auf den Tanzboden. 
Lachend, jauchzend, beim ersten 
Akkord lag sie in den Armen 
eines Tänzers. Die flackernden 
Augen sprühten, — ungeduldig 
tern, zu besonderen Lockmitteln entschließen müssen, um die 
Ehescheuen an ihre Pflichten gegen das Vaterland und die 
Nachwelt, die beim Junggesellentum zu kurz kommen, 
zu erinnern. Wie wärs, wenn 
Verlag Aurora, Dresden-Weinböhla 
NEUHEIT! 
NEUHEIT! 
Von Weibes Liebe 
und Schönheit 
Ein Zyklus in Versen mit 
Bildern berühmter Meister 
von 
Gustav Adolf von Ehrenkrook 
Preis fein geb. M. 40,— 
Sich freuen an edlen nackten Körperformen: 
das können in der heutigen, nach schwüler 
Erotik heischender Zeit nur noch wenig 
Menschen. Das vorliegende Buch soll in Wort 
und Bild die Schönheit des weiblichen Kör 
pers verherrlichen. Dabei ist zu beachten, 
daß der Text dem Eindruck der Bildbeigaben 
entsprungen, also mit diesen verwachsen ist. 
Zu beziehen gegen Voreinsendung des Kauf 
preises oder Nachnahme (zuzüglich M. 3.— 
Portospesen) vom 
VERLAG AURORA, KURT MARTIN 
WEINBÖHLA BEI DRESDEN 
wippte der zarte achtzehnjährige Leib auf dem Stuhle hin und 
her. »Wozu diese langen Pausen?« Die kleinen Füße stampften 
ungeduldig den Takt der verklungenen Melodie. Da — endlich. 
man da mit dem Landesbrauch 
einen Versuch machte, von dem 
ein Reisender aus Java be 
richtet. Danach gilt in diesem 
gesegneten Lande die Brautzeit 
als eine Probe-Ehe. Nach der 
Verlobung, so heißt es in dem 
nu • s ' €c ^ t die Braut als 
bald in das sogenannte Braut 
haus über, wo alle Bräute der 
Gemeinde bis zur Hochzeit ihre 
Wohnung finden. Dort darf sie 
der Bräutigam besuchen, sogar 
auf längere Zeit, und er darf 
mit ihr im traulichen tete-ä=tete 
verweilen, um seine künftige 
Frau »gründlich« kennenzu 
lernen. Wenn Bräutigam und 
Braut mireinander gut aus- 
kommen, wird zur offiziellen 
Ehe, im anderen Fall aber — 
zu einer anderweitigen Probe- 
Ehe geschritten. Es wird ver 
sichert, daß dies Institut sich 
gut bewährt habe und unglück 
liche Ehen oder gar Eheschei 
dungen in Java höchst selten 
seien. Vielleicht äußern sich die 
verehrten Leserinnen des »Ber 
liner Lebens«, wie sie sich zu 
dieser Eigenart des Javaner 
Lebens stellen. Wie wärs mit 
einem »Volksentscheid«, bei dem 
wir allerdings, galant wie wir 
sind, nur das Frauenstimmrecht 
anerkennen würden. B. P. 
Prinzessin 
Der Geiger erhob sich, und schon 
stand einer vor ihr, verbeugte 
sich/ sie musterte ihn im Bruch 
teil einer Sekunde, stand auf, 
gab ihm den Arm, die Hand, 
preßte sich an ihn und dann 
durchschwirrten sie den Saal. 
Toll, immer toller, Ermüdung 
kannte sie nicht, nur tanzen, 
tanzen, war ihr Lebenshunger, 
den sie stillen mußte. 
Sie kam stets allein, saß stets 
allein an einem Tisch, und doch kannte sie ein jeder als eine 
flotte, temperamentvolle Tänzerin. Wagte sich ein Herr an ihren 
Tisch zu setzen, wehrte sie ihn kühl ab, und blieb er doch,
        
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