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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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A/ O V E L L E VON ö E O /Q. O H/JQ.SCHFELO 
„Schönen, guten Morgen, Herr Oberst!“ 
Keine Antwort. Liesegang, der Portier des Hauses 
Mauerstraße 55 B, sah dem alten Herrn mit einer 
Verwunderung nach, die nichts Gekränktes hatte, 
aber immerhin eine gewisse Auflehnung enthielt. 
Es gehörte seit siebzehn Jahren zu Liesegangs täg 
lichem Leben, den Oberst Warner, wenn er zu sei 
nem Morgenspaziergang aufbrach, zu begrüßen. 
Daran brauchte doch die neue Zeit nichts zu ändern 
Liesegangs subalterne Gefühle waren fast er 
loschen, obwohl er durchaus nicht zu den Jungen mit 
seinem schiefen Graukopf gehörte. Außerdem fühlte 
er jetzt seine erhöhte Bedeutung als Flickschuster. 
Er tat die Hausarbeit mit jener heiteren Würde, die 
der soziale Ausgleich brachte. Er war sich nicht zu 
schade dafür, und die Verhältnisse des alten Warner 
— lieber Gott — die kannte er. 
Aber es konnte ja das Gehör sein — der Mann 
war über Sechzig. Was galt denn auch in dieser 
Zeit ein ehemaliger Oberst? Jedenfalls nicht mehr 
als ein Feldwebel — das war Liesegang einmal ge 
wesen. Es mußte das Gehör sein oder eine besorg 
niserregende Zerstreutheit. 
Liesegangs Arbeit stockte. Er stemmte seinen 
Besen in den brüchigen Asphalt des Torweges und 
starrte auf den gesammelten Kehricht. Deutlich er 
kannte er ein graues Zehnpfennigstück darin. Aber 
es lohnte ihm nicht, sich danach zu bücken. Nur 
der Einfall kam ihm: ich stehe mich jet?t beinahe so 
im Vergleich zu dem Obersten, wie früher einmal der 
Oberst zu mir. Ja, das Blättchen hatte sich gewendet. 
Man lebte noch in einem alten Hause — wenigstens 
der Grundlage nach. In den achtziger lahren war es 
umgebaut worden, aber die Maße des Torweges, 
der Treppe und des Hofes deuteten in den An 
fang des neunzehnten Jahrhunderts. Besonders die 
eichene Haustür mit ihrer schönen Messingklinke war 
ein echter, alter Zeitgenosse. Herr Schurich, der Wirt, 
hatte aus Sparsamkeit nichts an ihr geändert. Sie 
hatte ja auch nichts mehr zu schützen, da ihre Flügel 
den ganzen Tag an die Wände dss Torweges ge 
lehnt blieben. Der Hof wurde bei Nacht durch ein 
eisernes Gitter verwahrt. Überhaupt hatte sich das 
Wesen des Hauses Mauerstraße 55 B sehr verändert. 
Es diente — wer stieß sich daran?— vor allem den 
geschäftlichen Zwecken des Besitzers. Herr Schurich 
war Papierhändler en gros. Man hafte jetjt einen 
weit größeren Respekt vor seiner Ware als früher, 
denn auch der Weltfremdeste wußte von den steigen 
den Papierpreisen. Im Rückgebäude war das Lager 
der Firma, der erste Stock des Vorderhauses ent 
hielt die Büroräume. Da es ja doch ein Geschäfts 
haus geworden, hatte Herr Schurich den zweiten 
Stock an eine Versicherungsgesellschaft vermietet. 
Nur die Parterrewohnung blieb das Problem des 
Hauses — man konnte sie auch das Sorgenkind 
nennen. 
Es war Herrn Schurichs bemerkenswerte Gabe, mit 
erstaunlicher Leichtigkeit durch alle Wandlungen der 
Zeit zu kommen. Er betrauerte keinen gefallenen 
Sohn, er hatte auch keinen Lebendigen, der an seinem 
Lebensbau rüttelte — alles vollzog sich glatt und vor 
teilhaft, sogar die Steuererklärung. Aber in der Par 
terrewohnung hauste seit siebzehn Jahren Oberst 
Warner. Man hätte mit dem Wohnungsamt über 
haupt nichts zu tun gehabt, wenn dieser Mann nicht 
gewesen wäre. Er konnte sich unmöglich in die Zeit 
schicken. Er behauptete, drei Räume bewohnen zu 
müssen — drei Räume ein einzelner, alter Mann. 
Wohn- und Schlafzimmer—übergenug. Wozu brauch 
te er das dritte? Für Bücher und Sammlungen, er 
klärte er. Nun, eine Anzahl hübscher Bände hatte 
er, aber die hätten auch auf dem Boden liegen 
können, und seine Sammlungen bestanden aus Her 
barien, aufgespießten Insekten und bescheidenen Jagd 
trophäen. Der strittige Raum war freilich mit kost 
baren Biedermeiermöbeln ausgestattef — er wirkte 
wie ein graziöses Damenzimmer. Von Weiblichkeit 
war in Oberst Warners Leben seit seiner Witwer 
schaft nichts mehr zu spüren — er beharrte trotzdem 
darauf, das dritte Zimmer zu behalten. 
Luxus also, offenkundiger Luxus. In dieser Zeit! 
Aber Herr Schurich drückte ein Auge zu. Er hatte 
Mitleid mit dem eigensinnigen alten Herrn. Deshalb 
vermietete er nur die halbe Parterrewohnung an das 
Schreibbüro „Presto“. Solches Institut machte jeden 
Raum zur Lebensnotwendigkeit. Außerdem diktierten 
dort täglich Herren von der Ententekommission. 
Nun aber, seit Neujahr, hatten sich die Dinge durch 
aus geändert. Ein Ereignis war eingetreten, das ge 
radezu gebieterisch das Recht des Hausherrn über 
das des Mieters stellte. Mochte man noch soviel 
Rücksicht auf die große Vergangenheit nehmen — 
Lotte, die Zukunft des Hauses Schurich, hatte sich
        
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