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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Tfch, der herrliche, wundervolle Tag! Eine schöne, zärt.iche 
Sonne hüllt uns in ihren warmen Mantel ein! Alle Bäume, 
Sträudier, Blüten und Menschenkinder wenden sich ihr, 
der Licht und Heiterkeit Spendenden, freudig zu. Vergessen sind 
die kalten, häßlichen, trüben Winterstunden, ver 
gessen alles, was nicht Helligkeit und 
Freudigkeit heißt. Haben wir mal ge 
froren? Wann? Wir können uns 
nicht mehr daran erinnern, denn 
schon hat der Sommer mit 
seinem strahlenden, blauen 
Himmel unser Gedächtnis 
vermögen ausgelöscht, und 
wir können nur noch an 
Schmetterlinge denken, die 
farbige Punkte auf sattes 
Grün setzen. 
Ferien! Ferien unter 
freiem Himmel! Laßt sie uns 
genießen, laßt uns freund 
schaftlich gegen unsere Näch 
sten sein, wohlwollend gegen 
unsere Mitmenschen! Ach, 
wie dumm, sich das Leben 
zu verbittern, wenn man in 
des lieben Herrgotts schöner 
Natur sein darf! Am Flusse 
liegt man, mitten auf grünen 
Wiesen, unter schattigen 
Sträuchern und Bäumen und 
sieht dem Spiel der Wellen 
und Fische zu. Durch die 
Blätter wirft das himmlische 
Gestirn Sonnentropfen auf 
die Hängematte und das 
Gesicht der Schläferin, die 
lächelnd träumt und dabei 
leise hin und her schaukelt 
... hin ... her ... hin .. . 
her . . . »Fühlst du midi?« 
flüstert es von irgendwoher in der Luft. »Ich bin bei dir mit Kopf 
und Herzen . . .« Und die Schläferin lädielt stärker . . . 
Hoch oben si^t man unter luftigem Blätterdadi und läßt sidi 
Erfrischungen bringen, man tollt mit dem Hunde im Kreise umher, 
man badet, schwimmt, radelt, angelt und vespert 
nach getaner Arbeit im herrlich erquickenden 
Schatten eines schönen Baumes. Da 
heißt es nidit irgendwelche kost 
spieligen Kuchen und exotischen 
Früchte auf die Tafel tragen, 
sondern den Tisch anmutig 
und ländlich decken, damit 
er in den Rahmen der blü 
henden Natur ringsumher 
paßt. 
Stellen Sie sich vor, der 
Tisch sei hübsch grün lackiert, 
liebe, gnädige Frau, und Sie 
und Ihre Freundinnen säßen 
auf grünen Stühlen mit blu 
migen Cretonnekissen. Ein 
Streifen desselben blumigen 
Cretonnes ziert dasTiscbtucb, 
auf dem ein Teeservice aus 
Majolika steht. Auf dem 
Tischtuch liegen Blumen und 
Früchte verstreut. Das sieht 
so lustig aus, viel lustiger, 
als wenn sie in steifen Scha 
len »künstlerisch« und »de 
korativ« angeordnet sind. Ist 
das Service blau oder gelb, 
sehen Girlanden aus Korn 
blumen oder den dankbaren 
Sumpfdotterblumen ganz 
reizend aus. Poetischer wirkt 
ein wahrer Blütenregen von 
kleinen, naiv rosenroten Be 
gonien. Die begleiten das 
weiße Service mit den rosa
        
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