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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Aber das entzückende Abenteuer mit dem süßen wuschelhaarigen 
Geschöpf. . ., das war ihm durch die Lappen gegangen. Nna! 
Doch plötzlich riß Ulitz die Augen auf. Ganz groß auf. Das 
linke und das rechte. Als säße in jedem ein unsichtbares Monokel, 
Ja, was war denn das . . .? 
Was kam denn da aus dem Bahnhof? Mit selig verträumten 
Augen ? In der linken Hand die nagelneue gelbe Reisetasche, in 
der rechten das Veildiensträußdien, in das es hineinbiß mit ver» 
liebter Genüßlichkeit, Und ging, als wäre der 
mit Zigarrenresten und Papierfetzen bedeckte 
Asphalt ein Tanzboden, und lachte in sich 
hinein, daß er es beinahe glucksen hörte. 
In Ulitz jubelte es auf: Die Kleine, »seine« 
Kleine, wie er sie schon nannte, war dage- 
blieben, und der Schlades war abgedampfi. 
Und bei dem stürmischen Abschied hatte sie 
vergessen, ihm die Tasche hineinzureichen . .. 
Schadet nichts,. die Tasche konnte sie auch 
mit ihm brauchen. So ein Dusel, nein, so 
ein Dusel! 
Ulitz' Herz klopfte unregelmäßig und 
beinah so stark wie damals, bevor er H. V. 
geschrieben wurde. 
Daß er einen zu engen Kragen erwischt 
hatte, heute Morgen. Aber die Anny auch 
immer mit ihrem dummen Geschnatter: »Sag, 
läßt du midi im Winter nach Davos kommen? 
Sag Hansi! . . . Ja? Hansi!« Wenn er bloß 
dran dachte. Dumme Gans. Er zerrte an 
seiner Kravatte. Dann richtete er sich auf 
und eilte mit elastischem Siegergang hinter 
»seiner« Kleinen her. 
Doch mitten im Schwung des ersten, noch 
unvollendeten Schrittes erstarrte er zu Leb 
losigkeit. 
Stockchenschwingend, mit kurzen Tritten 
betonter Männlichkeit ging der »Schlacks« an 
ihm vorüber. 
Ulitz' Hände krampften sich zusammen. Er fühlte; es lag ein 
Drama in der Luft. Eine Katastrophe. Etwas Entsetzliches. Der 
Schlacks war ein Othello, der in blinder Eifersucht wieder aus dem 
Zug gesprungen war, um dem süßen Geschöpf nadizuspüren. Um 
es vielleicht zu brutalisieren, auf offener Straße. 
Lüitz stürzte vor. Er mußte in ihrer Nähe sein, wenn es zum 
Äußersten kam.. Das ritterliche Eintreten für Damen, auf der Straße, 
in Bars und Tanzlokaien, war gerade seine Spezialität. 
Doch was war das? Der Sdilacks trat ganz nahe an die Kleine 
heran, grüßte steif und förmlich. Die Kleine neigte den Kopf und 
beide gingen auf verschiedenen Seiten der Straße weiter. 
Ulitz, dessen ganze Kombinationsgabe versagte, sah sich um — 
aber kein Kino-Operateur war zu sehen. Nur Eilige, die nach der 
Mittagspause wieder in ihre Büros zurückkehrten und sich zwischen 
ihn und »seine« Kleine schoben. 
Ulitz mittagte mißmutig, trank drei Bohnenkaffees und blätterte 
im Kursbuch. Um 6 Uhr 5 Minuten erst ging sein Schnellzug. 
Langweilig, so eine Universitätsstadt. Seine Spezialitäten wurde er 
hier nicht los. Ob die Anny schon weit war? So zur Teestunde 
war sie ganz allerliebst manchmal. Er gähnte sich durdi den Nachmittag. 
Um dreiviertel sedis schob er sich zielbewußt auf sein Kupee zu. 
Und blieb plötzlich stehen. Wie versteinert. 
Hatte er denn ganz den Kopf verloren mit der Kleinen? Die 
tanzte ja vor seinen Augen, als stünde sie leibhaftig wieder da - 
das Reisetäschchen, diesmal war es ein schwarzes, in der Hand. 
Und neben ihr der »Schlacks«. 
Und der küßte sie Genau so 
wild. Genau so unersättlich wie 
am Mittag. Nein, noch inniger, 
noch zärtlicher. Also diesmal kams 
wirklich zum Abschied. Aber 
diesmal wollte er den Ansdiluß 
nicht verpassen. 
Er sprang auf das Trittbrett, 
wendete sich dann plötzlich um und 
sagte diplomatisch zum »Schlades«: 
»Wenn es Ihnen angenehm ist, 
kann idi Ihnen einen Platz in 
meinem Abteil belegen!« 
Der Schlades klappte zusammen 
wie ein Tasdienmesser. 
»Danke verbindlichst! Äußerst 
liebenswürdig! Aberichreise nicht!« 
Diesmal funktionierte die Ge- 
.sdi.chte tadellos. Und mit gleich 
gültiger Höflichkeit zur Kleinen: 
»Aber vielleicht Ihrer Frau 
Gemahlin . . .?« 
Das »Gemahlin« brachte Ulitz einen entzückten Blick ein, aber 
keine Antwort. 
»Fahren Gnädigste lieber vor- oder rückwärts . , .?« 
»Gnädigste« senkte die Lider ganz tief über die Augen, zupfte 
mit unsicheren Fingern am Hut und murmelte: 
»Danke. Sie sind sehr freundlich . . . aber ... ich reise nicht. . 
Ich — ich — habe noch nicht gepackt.« 
»Was . . . ? Wie bitte . . . ?« 
»Einsteigen!« brüllte der Schaffner, 
drängte Ulitz in den Wagen und knallte die 
Tür zu. 
»Ein hübsches Ding, das Maidie vom 
Perron II,« meinte lachend der gleiche 
Schaffner, als ihm kurz darauf Ulitz 
die Fahrkarte vorwies, »aber a wüschte 
Krott!« «Ci-’ 
Was scherte Ulitz die »wüschte Krott«. 
Er hätte lieber gewußt, warum das kleine 
Pflänzchen mit dem Wuschelhaar wieder 
nicht abgereist war . . . Versagte der Mut 
im letzten Augenblick ? 
Der Beamte hatte Blick für Lebemanns- 
tuni ,- wußte, daß pikante Histörchen manch 
mal nette Trinkgelder eintrugen und sagte, 
sich herabneigend, leise, mit vergnügtem 
Augenzwinkern: 
»Sie haben doch selbst mit ihr gesprochen, 
vor dem Einsteigen . . s ischts Töchterle 
vom Lederwarengeschäft in der Kaiserstraße. 
Der passen die Eltern arg auf, seit sie ihr 
drauf gekommen sind, daß sies mit ihrem 
»möblierten Studenten« hält. Da laufen die 
beiden halt zu jedem Zug, der nach Basel 
fährt, stellen sidi reisefertig auf dem Perron II 
auf, vor einer offenen Kupeetür — und tun 
sich abschmutzen.« 
»Was tun sie?« 
»Absdimutzen tuns sich .... Küssen tuns halt . . . Und 
wenn dann der Zug mal ein paar Minuten Verspätung 
hat — dann gibts eben noch ein paar Dutzend Zulag-Sdhmutz! 
Die anderen Leut schaun diskret weg, weils ihnen leid tun, die 
jungen Leut, von denen das eine ins Ausland fährt . . . Und da 
sind halt die beiden zwei, auf dem Perron II, zwischen all den 
vielen Menschen eigentlich ganz allein ... ja, ja, die Jugend heut- 
zutag, die treibts arg!« 
»W'ieviele Züge verkehren täglich nach Basel?« fragte Ulitz 
mit einer Stimme, die ein wenig anders klang, als man sonst sie 
zu hören gewohnt war. 
Der Schaffner, mit gelangweiiter Amtsmiene im Gesicht, brummte 
enttäuscht: 
»5 Uhr 42 Schnellzug, 7 Uhr Bummelzug, 9 Uhr 4 beschleunigter 
Personenzug, 11 Uhr 25 Bummelzug, 1 Uhr Schnellzug, 2 Uhr 1 
Bummelzug, 4 Uhr 35 Bummelzug, 6 LIhr 5 Schnellzug, 6 Uhr 20 
Bummelzug, 9 Uhr 46 Schnellzug.« 
Ulitz rechnete: Elfmal eine viertel Stunde, macht elf Viertel 
stunden. Elf Viertelstunden machen 2 s / 4 Stunden. 2 3 /i Stunden 
machen 165 Minuten. In der Minute durchschnittlich gerechnet 
etwa 30 »Schmutz«, das macht in einer Viertelstunde 450, und in 
2 3 / 4 Stunden macht es 4950 »Schmutz«,- weiter machts in einem 
Monat genau 14850 . . ., dazu noch pro Tag durchsdinittlich auf 
den Zug fünf Minuten Verspätung . . . 
»Schaffner! Augenblick. Hier, 
das Telegramm geben Sie, bitte, 
auf für midi, auf der nächsten 
Station. Aber ,dringend'! Hier, 
das Geld,- den Rest können Sie 
behalten.« 
Der Schaffner entfernte sich 
kopfschüttelnd von dem »blöden 
Norddeutschen«, der so gar kein 
bissei Gemüt hatte für Liebes 
geschichten und gab das Tele 
gramm auf, das dem austragenden 
Depeschenboten drei Zigarren, 
zehn Zigaretten und zehn Mark 
Trinkgeld eintrug. 
Die Depesche hatte folgenden 
Wortlaut: 
»Anny Lehmann, Berlin W., 
Motzstraße 4. 
Geliebte Süß-Schnecke. Mußt 
sofort Basel kommen. Erwarte 
Dich Hotel Schweizerhof. Brauche 
Dich sehr dringend, 
Hansi.
        
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