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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

Das FräuLein von Perron H 
Von Vera Bern. 
■"ohannes Ulitz, Exporteur in Heeresbestand-Restartikeln, zählte in 
seinem Freiburger Hotelsalon das Handgepädc seiner Freundin: Eine 
japanische Reisetasche, ein Plaidriemen, zwei Hutschaditeln, ein 
Schirmfutteral, ein Necessaire, ein Handkoffer, ein Korb Weintrauben. 
»Nur acht Stüde! Zum Zuge nach Berlin.« 
Der Hausdiener entblößte seine Zähne, raffte mit Händen, 
Armen und Beinen Krokodilledernes, Schweinsledernes, Rohr» 
/ geffoditenes zusammen und verschwand. 
»So ein grinsender Hausdiener kann einem die schönsten sozia» 
listischen Gefühle verekeln . . .« 
»Findest du . . .?« 
Ulitz sah gelangweilt zu seiner Freundin hinüber, die vor dem 
ovalen Hotelspiegel ihr blasses Gesicht mit neuem Puder überstäubte. 
Komisch, grübelte er, warum sieht eine genau aus wie die andere? 
Meine vorige Lizzy genau wie meine jetzige Anny? . . . Und meine 
Anny genau wie die Leony vom Rittmeister — und die Leonie 
vom Rittmeister genau wie die Pipsy vom Stahlonkel? . . . Das 
gleiche strohblonde Haar, der gleiche fade Mund, das gleiche breit» 
gestreifte Jackenkleid, der gleiche weiche Tellerhut? .. Wenn irgend 
ein Kobold unsere Freundinnen vertauschte — wir würdens nicht 
mal merken. 
Na . . .1 Das nächste Mal mußte es was anderes sein! Ganz 
was anderes . . .! Meinetwegen Kanzleiatmosphäre Und blaue 
Schreibmaschinenbandflecken an den Fingern . . die bekam man weg 
mit Bimsstein . . . Und so eine schusterte er sich dann selbst zurecht: 
»Kind, ss st . . .! Man küßt doch leise . . .!« — »Aber Kind, man 
hebt doch einem Herrn den heruntergefallenen Stock nicht auf . . .!« 
»Aber Kind — ...!« 
War sie dann »fertig«, hatte sie erst strohblondes Haar, faden 
Mund und geräuschlose Zärtlichkeiten — na denn, in Gottes Namen, 
mochte sie sich von den anderen einreihen lassen in die Schar der 
Lizzys und Annys und . . . 
»Weißt du, Hansi, du könntest mir heute, den letzten Tag, 
wirklich meinen Pelz selbst umlegen — —« 
»Verzeih, Anny — — Abschiedsgedanken . . . 
wie wir . . . Aber nenn mich doch nicht immer 
drei Monate so was 
»Hans 
Ulitz belegte den noch freien Eckplatz und ließ das Fenster 
herunter. Er wollte sich das Fräulein vom Perron II mal anschaun. 
Aber es gab nidits anzuschaun. Kein Fräulein verkaufte Obst, kein 
Fräulein Journale, nur Reisende stießen und drängten durcheinander. 
»Nanu . . .!« Ganz laut dachte er plötzlich: »Nanu!« 
Nein, so was . . .! So was! So ein Pärchen . . .! So ein ver» 
dammtes Pärchen! Gerade unter seinem Fenster stand es. Ein 
blutjunges Ding, wusdhelhaarig, mit Augen voll Zärtlichkeit, den 
Griff einer nagelneuen hellgelben Reisetasche — Gott sei Dank, endlich 
eine Frau mit nur einem Stück Handgepäck — zwischen den Fingern. 
Und neben ihr ein langer Schlacks mit kaum vernarbten Schmissen. 
Der hielt sie in seinen Armen und küßte sie. 
Und küßte. Lind küßte. Und küßte. 
Auf Augen und Wangen und Mund, und wieder, und noch einmal. 
Und dann küßte sie ihn. Und begleitete jeden Kuß mit summ» 
singendem Klang 
Die ganze Tonleiter küßte sie herauf und herunter. 
Irgend etwas stieg Ulitz in die Kehle. Er räusperte sich. 
Die Beiden fuhren zusammen. Das junge Ding mit dem Wuschel 
haar rückte hastig den verschobenen Hut zurecht. Die Reisetasche 
entglitt ihren Händen — fiel zu Boden — klaffte auseinander. 
Sie war leer. Ganz leer. Nur ein Veilchensträußchen lag auf 
dem braunen Grund. 
Ulitz kombinierte entzückt: 
Die Kleine da, die brannte von zu Hause durch, mit dem 
Schlades. Dann kauften beide gemeinsam, was unentbehrlich war 
für die ersten Nä ... — Tage . . . 
Ganz neidvoll brannten ihm die Augen. Doch plötzlich umzuckte 
es seine Lippen: die Beiden da, die nahmen ja Abschied voneinan 
der ... die Kleine da fuhr also allein voraus in die Welt ... die 
Kleine da würde in seinen Wagen einsteigen . . . Dann hatte er 
eine Stunde Zeit, eine ganze Stunde Zeit. — Was hatte er nicht 
alles in off nur einem Viertelstündchen erreicht — — . 
Bezaubernd war das leidenschaftliche kleine Geschöpf . . . Genau 
er sidt erträumt hatte. Da — wundervoll — sogar blaue 
Ich Schreibmaschinenbandflecken hatte sie 
nenne mich Johannes, verstehst 
du? . . . J. O. H.« 
Johannes Ulitz stand einge 
zwängt zwischen stoßenden, 
drängenden Mensdien am Fahr» 
kartensdialter. Neben ihm ein 
spindeldürres Männchen: 
»Die neue E senbahn-Klas» 
sen»Ordnung: IV. Klasse: der 
anständige Mensch . . . III. Klas 
se: der Millionär ... II. Klasse: 
der Sdiieber ... I. Klasse: der 
neuzeitliche Regierungsbe 
amte . . .« 
Mit scheuem Seitenblick nach 
dem spindeldürren Männchen 
und undeutlichem Gemurmel 
verlangte Ulitz: »Eins Zweiter 
Berlin« und stieß seiner Freun» _ 
din das Billet in die Hand: 
»So, Anny, schnell! Lauf 
vor auf den Bahnsteig, schnell! 
... Ich besorge dir noch Blumen. • 
ja, ja, ich komm noch zurecht 
zum Abschied . . .« 
Und Anny verschwand im 
Gewühl, das sich zum Tunnel 
schob, und Lllitz drängte sich 
zum Ausgang. Und Ulitz 
klappte den Kragen seines 
eleganten Reisemantels hoch, und 
So . . . Punkt . . . Schluß . 
atmete auf. Tief und befreit auf. 
am rechten Zeigefinger . . . 
Ein Prachtgeschöpf. Und 
jetzt bückte sie sich, um dem 
Schlacks den Zwicker aufzu 
heben, der bei den stürmischen 
Umarmungen heruntergefallen 
war . . . und jetzt hob sie ihm 
noch den Stock auf, der hinter» 
herpurzelte. 
Ganz kribbelig machte ihn 
das wilde Abschiednehmen und 
Zärtlichsein. Aber- schadet 
nidits. Desto leichter* fiels ihm 
nachher. Das Trösten, ver 
lassener Frauen war gerade 
seine Spezialität. 
Zunächst würde er ihr seine 
Visitenkarte überreichen. Das 
wirkte auf so junge Dinger 
beruhigend wie Hofieremonielb 
Er griff nach den Visiten 
karten, um nur ja keinen kost 
baren Augenblick zu versäumet 
nachher. 
Er würde ihr sagen: 
»Hm . . . Hm . .. Gestatten 
Sie, mein sehr verehrtes gnä 
diges Fräulein ... Verflucht 
und zugenäht . . .«, wo hatte er. 
denn seine Brieftasche gelassen? 
Seine Hände tasteten, suchten, 
donnerwetterte. Riß Mantel, 
Auf die Blumen mochte sie warten, bis sie wieder schwarz wurde, 
die Anny. So behielt sie die salzigen Perlen ihrer Augen, die sie 
dem letzten Abschiedsschmerz erpreßt hätte, und er behielt die kost 
bareren, weil echten Perlen, die ihm die letzten Minuten gekostet hätten! 
In einer halben Stunde erst ging sein Zug. — Richtung Schweiz, 
-i smlenderte auf Umwegen zur Bahn. 
r' 12 nac n Basel, Zweiter . . .?« 
Ä ^ anz „ l j nt , en - Wo das Fräulein vom II. Perron steht.« 
»Das Fräulein vom II. Perron? . . . So, ja, vermutlich die Jour 
nal- oder Obstverkäuferin 
wühlten. Die Lokomotive pfiff. Er 
Jacke, Weste auf. 
Mit einem Fluch und einem kurzen Griff zerrte er seinen Hand 
koffer aus dem Netz, sprang im letzten Augenblick vom Trittbrett 
des aus der Halle rollenden Zuges und raste zum Schalter. 
»Ihre Brieftasche? Ja, ich habe sie beiseite gelegt, für den Fall, 
daß Sie es gleidi merken.« 
Ulitz kehrte die Farbe in die Wangen zurück. Eine verflixte 
Sache heutzutage für einen »Exporteur«, seine Brieftasche zu ver 
lieren,- was da so alles drin lag an Papieren und Scheinen — — 
Na, Gott sei Dank, das wäre erledigt.
        
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