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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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fallen tun und ein wenig hinhören. Im übrigen, ich 
war nicht uninteressiert an diesen Dingen, nur habe 
ich darüber nie die goldenen Haare und die rosigen 
Arme der Hausfrau vergessen. Er aber — vergaß. 
Und das ist nun seine Strafe, und er hätte, so wie 
er schon geartet war, einfach nicht wissen wollen 
gedurft — sehen Sie, das wäre Stil gewesen. Was 
hat er nun? Er ist ein vergrämter alter Mensch, sitzt 
allein, mutterseelenallein in seinem herzigen Häus 
chen da draußen und weiß, was er verloren hat, der 
wohl nie ganz gewußt, was er besaß.« 
»Sie sagen also etwa: wenn ein Mann seine Frau 
nicht nach ihrem vollen Wert einzuschätzen weiß, 
so hat sie das Recht, sich einen Liebsten zu halten 
zu diesem Zweck?« 
»Vielleicht nicht ganz so, doch muß der Ehemann, 
der so beschaffen ist wie dieser, nicht groß einen 
Sums drum machen, wenn er ihr dahinter kommt — 
am klügsten aber, wie gesagt, er kommt ihr gar nicht 
dahinter. Er soll nicht wissen wollen.« 
»Nehmen Sie es nicht übel und fassen Sie es nicht 
als Indiskretion auf, ich möchte etwas fragen.« 
»Bitte?« 
»Man sagt von Ihnen, Sie wären geschieden, aber 
keiner weiß richtig Bescheid, stimmt das?« 
»Es stimmt, ist lange her, Gras drüber gewachsen, 
auch in meiner Seele, doch es war ein ganz anderer 
Fall, aufrichtig — ich spreche nicht gern davon.« 
»Oh, dann pardon, bitte tausendmal um Verzei 
hung, plaudern wir von anderen Dingen«. 
»Tun wir das. Wie gesagt, die kleine Näherin 
belebt meine Phantasie — aber nein, hören Sie zu, 
ich werde Ihnen die Geschichte meiner Scheidung 
doch erzählen.« 
»Nein, nein, es möchte Sie vielleicht morgen, beim 
grauen Tagesschein ...« 
»Bitte, bitte, weiß was 
ich tue, bin erst bei der 
zweiten Pulle. Also, auch 
meine Frau hat mich 
betrogen, ich habe sie 
selbst ertappt in einer 
Lage : Ich komme 
von einer Reise, die 
Dienstboten erschreckt, 
der Kaspar—Sie kennen 
ihn — verzerrt das Ge 
sicht wie er mich sieht, 
will mich zurückhalten—« 
»Pardon, da hätten Sie 
nach dem Willen des 
Kaspar tun müssen.« 
»Sind wohl verrückt?« 
»Bin gar nicht verrückt. 
Wenn Ihr Diener Sie 
zurückhalten wollte, so 
mußten Sie — nach Ihrer 
eigenen Theorie — mit 
geschlossenen Augen dahin gehen, wohin Sie der 
Diener geführt haben würde und warten, bis er sie 
aufgefordert hätte in der Herrin Gemach zu treten.« 
»Und der Liebhaber über alle Berge gewesen wäre?« 
»Gerade so—immer imSinn Ihrer eigenenTheorie.« 
»Aber das ist doch absurd, was Sie da sagen.« 
»Nein, das ist nicht absurd.« 
»WartenSie mal,ist dasnicht absurd,amEnde doch?« 
»Passen Sie mal auf: Hier eine verdächtigte Frau, 
dort eine verdächtigte Frau; hier ein Ehegatte, der 
Gewißheit haben will, dort einer, der . . .« 
»Das kommt mir ein wenig plötzlich, ich weiß doch 
nicht, ob — eines aber weiß ich freilich — ich wäre 
ebenfalls glücklicher, wenn ich . . .« 
»Na, sehen Sie?« 
»Sie wollen also durchaus sagen,daß die Ehemänner 
am besten daran sind, wenn sie sich betrügen lassen?« 
»Ich will sagen, wer heiratet, muß mit der Mög 
lichkeit rechnen . . .« 
»Daß er betrogen wird?« 
»Nicht auf alle Fälle; doch mag er sich immerhin 
zuvor die Frage beantworten: wie stelle ich mich 
dazu, wenn mich meine Frau eines Tages hintergehen 
wird? — und wenn er glaubt, eine solche Angelegen 
heit hochtragisch nehmen zu müssen, dann lieber 
hands off! Oder aber, er setze sich vorher mit seiner 
Künftigen auseinander, daß sie von vornherein wisse, 
man habe Grundsätze in diesem Punkt.« 
»Wäre nun auch mir eine indiskrete Frage erlaubt?« 
»Bitte!« 
»Blieben Sie der Einsicht zuliebe, daß, wer sich 
verheiratet, mit der Möglichkeit des Betrogenwerdens 
rechnen muß, .Junggeselle?« 
»Nein, sondern weil ich nicht Lust hatte. Doch lassen 
Sie sich sagen, daß ich 
eben im Begriff bin ...« 
»Und wenn nun eines 
Tages Ihre Frau . . .« 
»Mich betrügen wird? 
— Schlage ich den Kerl 
nieder.« 
»Was machen Sie mit 
Ihrer Frau?« 
»Ich werde sie töten, 
habe es ihr — nach mei 
nem Prinzip — bereits 
gesagt.« 
»Und da meinen Sie, 
nun könnne nichts pas 
sieren?« 
»Ja, das hoffe ich.« 
»Und wissen Sie, was 
ich meine? — Ich meine: 
sie ist gewarnt und wird 
darum — doppelt vor 
sichtig sein. Prosit, mein 
Lieber!«
        
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