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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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»ln seinem Löwengarten 
das Kampfspiel zu erwarten — « 
Irgendwer summt die Schillerschen Verse, an der Loge 
der Qui^ows vorüberstreichend. Der alte Herr dreht sich 
um. »Donnerwetter, war 
das nicht Rheinbaben? 
Und schlecht sah der 
Kerl aus, förmlich ver 
hungert vor lauter Trai 
ning. Würds ihm ja 
gönnen, holte er sich 
mal 'nen Preis, ver 
flucht ehrgeizig. Den 
hast du auch gehörig an 
deinen Triumphwagen 
gespannt, Kleine, was?« 
Er lacht. Die Erfolge 
seiner lochter schmei 
cheln ihm. Je mehr Be- 
werber, je besser. Will 
sie nicht den, sie kriegt zehn andere. Leute in glänzender 
Karriere! War er nicht grad so als junger Dachs? Immer 
forsch, und den Weibern 'die Köpfe verdreht! 
Die Sonne glitzert, Fahnen flattern, überall ein festfrohes 
Bild, in den Logen echte, auffällige Eleganz, Blütenkränze 
schöner Frauen. Über allem ein Hauch von erhöhter Lebens 
freude, das Fluidum einer fast elektrischen Spannung. Herren, 
die in Gruppen zusammenstehen. Namen schwirren durch 
die Luft, Geldsummen werden genannt, Behauptungen auf 
gestellt, Zweifel erhoben. 
Von Rheinbaben steht noch im Stall und untersucht zum 
lebten Mal die Fesseln des Rotfuchses — tadellos! Er klopft 
ihm den Hals. »Heute machen wirs, hörst du?« Armida 
blickte ihn an: Große, braune, intelligente Pferdeaugen, 
als verstünde sie ihn; dann ein nervöses, kurzes Schütteln des 
schlanken Halses; fast sieht es aus, als bedeute dies ein 
eigensinniges: »Nein, ich will nicht.« Von Rheinbaben 
stampft heftig mit dem Fuß. 
Er ist, wie alle Sportsleute, ein 
wenig abergläubisch, achtet 
auf allerlei Zeichen, Schick 
salswinke. »Du mußt aber, 
und wenn dirs den Schädel 
bräche! Oben in der Loge 
si^t sie, Adeline — mein 
kostbarer Preis.« — — — 
Er fliegt dahin über den 
grünen Rasen, er si^t nicht im 
Sattel, nein, er klebt daran, 
wie mit dem Pferde ver 
wachsen. Anfänglich hockt 
ihm eine dumpfe Beklemmung 
im Nacken, dann schlägt sein 
Herz schneller, sein Blick weitet 
sich, je mehr Armida, die zu 
erst lässig, ausgreift, einen 
Gegner hinter sich läßt, zwei, 
drei, je^t — ein förmlicher 
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Taumel ergreift ihn, das Rennfieber, die heillose, nerven- 
aufpeitschende Passion. — 
Adeline folgt in ihrer Loge dem Rennverlauf, zunächst 
rein sachlich, dann reckt sie das schlanke Hälslein, die bei 
nah durchsichtigen Na 
senflügel beben, ganz 
wie bei ihrem Vater, 
wenn er erregt ist. Nun 
lehnt sie sich über die 
Brüstung, ruft beinah 
laut: »Papa, Papa, sieh 
doch nur, Rheinbaben 
machts, er — jetjt — 
oh! — Eine Sekunde, 
dann tiefstilles Entsetzen. 
Hinter der Hürde, dicht 
beim Ziel, macht Armida 
einen nervösen Seiten 
sprung, überschlägt sich, 
begräbt den Reiter 
unter ihrem Leibe, verdeckt ihn beinah. 
Stimmengewirr, Rufe, Schreie, Krankenträger, flüsternde 
Gruppen; jemand sagt: »Er ist tot — nein, er lebt noch — 
er ist bewußtlos — das Rückgrat ist verlebt.« — 
Der Rotfuchs hatte sich so schwere Verlegungen zu 
gezogen, daß man ihm an Ort und Stelle den Gnadenschuß 
geben mußte. 
Im Krankenzelt steht Herr von Quitjow und seine Tochter; 
aufrichtig leid tut dem alten Herrn der junge, schneidige 
Kerl, ein Jammer! Er spricht mit dem Arzt. Der zuckt 
die Schultern. Man hat Herrn von Rheinbaben den Preis 
zuerkannt, müht sich sorgend um ihn. Der weiß wohl von 
alledem nichts, Nacht umfängt seine Sinne, bewußtlos liegt 
er danieder. 
Adeline ist blaß geworden; sie fröstelt trotj der warmen 
Luft. Bläuliche Adern treten scharf an den Schläfen her 
vor. Jet$t, wie in jäher Eingebung, löst sie eine Rose 
aus ihrem Strauß am Gürtel, 
und läßt sie sanft in die 
Hände des Gestürzten glei 
ten. Ein erstaunter Seiten 
blick ihres Vaters liegt fragend 
auf ihrem marmorbleichen 
Angesicht. 
Von Rheinbaben öffnet plö^- 
lich seine Augen, starr, weit, 
um seine Lippen zuckt ein 
wetterleuchtendes Verständnis, 
ein schmerzlicher Spott; dann 
flüstert er matt, nur ihr hör 
bar: »Den Dank, Dame, be 
gehr ich nicht!« 
Er wendet den Kopf, streckt 
sich, stöhnt. Der Arzt fühlt 
ihm den Puls und sieht nach 
der Uhr. »Er bleibt am Plaij, 
wenn die Sonne untergeht.«
        
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