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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Jicder ist der Au* 
W genblick gekom 
men, wosich dieFrauen 
für kein anderes Klei 
dungsstück so inte 
ressieren wie für das 
Strandkostüm. Aber 
wenn die Gatten resig 
niert verrückte Hüte 
und extravagante Ro 
ben dulden, verweigern 
sie doch alle Konzes 
sionen, sowie es sich 
um Badekostüme han 
delt. Das kühne Ge 
wand, das sie auf dem 
Körper einer anderen 
Frau bewundern, wür 
den sie nie auf dem 
ihrer Gattin ertragen, 
und die charmante Brita 
hat vielleicht Recht, wenn sie sagt: „Wollte ich auf 
Hans hören, könnte ich im Nonnenkostüm baden!“ 
Es ist natürlich nicht die Rede davon, daß sie auf 
Hans hört. Hans wird schreien, Skandal 
machen, vom Strand fortlaufen und sich in 
den Augen aller übrigen Ehemänner lächerlich 
machen, aber seine Frau wird ein Badekostüm 
tragen, das für keinen Menschen mehr Geheimnisse 
hat! Denn das ist unter vielen Sonderlichkeiten das 
Sonderbarste am weiblichen Geschlecht: Frauen, die 
es nicht ertragen könnten, daß man sie des Morgens 
im Peignoir sieht, zögern keinen Augenblick, sich am 
Strande oder im Kasino ganz und gar zu enthüllen! 
Worin sie des öfteren Unrecht haben! 
Die Mütter junger, heiratsfähiger Mädchen kennen 
ganz gut die Gefahr, in die ihre Töchter laufen, wenn 
sie sich zeigen, wie sie sind! 
Übrigens gilt das Gesagte genau so für die Männer, 
die, sobald sie athletische Prätentionen haben, sich nur 
mit ihrer Tugend bekleiden, ehe sie, mit dem Kopf zuerst, 
in die Wellen springen. 
Der Philosoph, der am Strande sith und alles, was 
um ihn herum vorgeht, mit unparteiischen Augen be 
trachtet, gibt denen, die sich nicht scheuen, ihre Linien 
und Harmonien zu entschleiern, einen guten Rat. Es 
gibt auf dem Sande mitleidlose Richter, die die unsicht 
barste Krampfader, das kleinste Hühnerauge entdecken. 
Hütet euch vor ihnen! Flieht sie, indem ihr euch im 
grünen Wasser verbergt; denn genau wie den Luftschiffern 
droht auch den Ba 
denden die Gefahr von 
der Erde aus! 
Wie die Kleider wei 
sen auch die diesjäh 
rigen Badekostüme 
Zipfel und Enden auf, 
und über anliegenden 
Trikots bauschen sich 
kleine Taftblusen mit 
keuschen Falten. Man 
sieht nichts anderes 
als Arme, Beine und 
ein ganz kleines Stück 
chen Hals! 
Grelle, bunte Farben 
und breite Streifen sind 
außerordentlich beliebt. 
Weite, lange, mit dem 
Badeanzug harmonie 
rende Wollkäps hüllen
        
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