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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

Von Siegfried Berberich. 
/ or drei Tagen hatte er es in der Zeitung gelesen. 
▼ »Hocherfreut . . .« Der Höhepunkt der Spannung war 
erreicht: Du oder er? — Mißhelligkeiten oder eitel Lust 
und Freude? — Kavalierspflicht oder alte Freundschaft? — 
Es hielt ihn nicht länger zu Hause. Er meldete seinen 
Besuch an, verquidcte ihn geschickt mit einer zwingenden 
Dienstreise und fuhr stundenweit mit der Bahn in jene 
Stadt zur Inaugurierung des »freudigen Ereignisses«. 
Um acht Uhr früh kam der Zug an. Um halb neun 
Uhr pflegte sein Freund außer Haus zu gehen. Um 
neun Uhr stieg er, sorgfältig gekleidet, zwei Treppen 
hoch und klingelte. Wartete ungeduldig sekundenlang 
auf dem Flur vor der Schlafzimmertür, ward herein» 
gebeten, begrüßte und beglüdcwünschte kaum die Mutter 
und beugte sich spähend über das Kind im Korbe . . . 
Blonde Haare! Er war schwarz. Gutes Omen! Nahm 
das Kind hoch. Knochenbau einzig untrüglich . . . Schließe 
lieh bei so kleinen Kindern . . . Immerhin, die blonden 
Haare . . . Auch die Nase: ganz der Vater! Leichterer 
Atem, Lächeln, Drehung. freudestrahlend dort die 
Mutter. Jetzt in Ruhe »Guten Tag«, fast frivol — sah 
zur Türe, gut geschlossen, scherzte: »Na, wozu dann!« 
— Doch man schien zu überhören, nur zu denken: 
überstanden! Lag unsäglich breit und glücklich ... Bat 
ihn, Platz zu nehmen, zu erzählen. Grinsend sah er in 
die Stube, kaum, daß er ein Wörtchen sprach. Wozu 
auch? Sie dachten beide doch das gleiche, vielmehr an 
den gleichen Tag . . . Ganz in Freiheit, ihrer sicher. 
Denken schließlich . . . Und es bliebe dabei! — Leises 
Wimmern aus dem Korbe. Er stand auf, sah auf die Uhr. 
Mittags, freilich, käme er. Gab die Hand und ging hinunter. 
ter war es - sah beim besten Willen keine Schuld! 
Weder sie, noch er... Und er bedachte: 
Er zu Gast. Man ging zu Dreien in die Bar. Der 
schmale Tisch/ er an ihrer Seite, hart, gegenüber der 
Freund. Düstres Licht, Musik, man schwatzte, kam in 
Stimmung, trank, war Mensch. Arm an Arm und Bein 
an Bein, Körperwärme, man vergaß . . . dachte kaum und 
gab sich hin. Streifte halbbewußt die Hand, fühlte sinn» 
lichzarte Finger willenlos auf seidnem Rock, sah die 
Augen, leere Lippen, halbgeöffnet, süßen Blick, Machte 
faule Witze, lauter — und begriff das Abenteuer, fühlte 
Mann sich, überlegen, Schreit das Blut, verstummt die 
Freundschaft! — Er stand auf und man besann sich/ 
errötend, verschmähte es, die Lage auszunutzen, die man 
erst jetzt so recht verstand. Schweigen. Lärm im Lokal, 
den man erst jetzt bemerkte. Lange Minuten: was hätte 
man sagen sollen! Was und Wie! Neue Rollen! Ei» 
gentiieh keine: man blieb sich treu . . , Gewiß, nur Mann 
und Weib, nicht Freund und Frau . . . Nur! Stumm» 
erwachender Trotz, Auflehnung gegen das Gewordene 
zugunsten des immer Gewesenen . . . Achtet seither 
gewahrte Reinheit im Augenblidt gering,- spürt mächtig 
ursprüngliche Ströme, läßt sich willig mitreißen — viel» 
leicht, weil akute Gefahr nicht besteht,- Feigheit der Kul» 
tivierten! Malt leicht und zaghaft mögliche Situationen 
sich aus. Denkt zurüdc — unglaublich: Sie nichts als 
Gattin, er nur Freund! Trotziger Leiditsinn: es ist im 
Rollen! Das war kein Spiel, ist kein Spiel, ist ungewollt, 
aber vorhanden,- Sehnsucht der Sinne, die nach Freiheit 
schreien. Man sieht sich an und schweigt. Der Mann 
kommt zurück, schweigt auch. Ein Wort, ein Satz, ein 
Nichts — zum Ankurbeln, zur Belebung, Heranzerrung 
an den Augenblick: die Hände finden sich wieder. Seine 
Gegenwart spornt an, fordert heraus, Individuum streckt 
sich, wagt kühnes Spiel, mutbedingtes Abenteuer . . . 
Zweifel treten zurüdc, schwinden,- Kraftgefühl steigt in 
die Stimme, man schreit, überschreit den umgebenden 
Lärm. Der Gatte lächelt, kommt selber, angesteckt, in 
Wie rasch er ging, ohne es zu merken! Gut. — und 
schade . . .! Ringkampf zwischen Freund und Mann. 
Kurze Zeit nur: sah sie liegen, breit, behäbig — dachte 
nach und gestand sich endlich, daß er sie nie geliebt hat. 
Ihre Art zu reden und zu lachen, ihre flachen dummen 
Witze:.Weibchen, Mensch von andrem Stoff. Trotzdem . . . 
Und er sah den Abend und den Morgen, damals, Win» 
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