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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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IM SEEBAD 
Von Margarete von Suttner. 
ASZ, 
enn meine Freundin Lu ins Seebad reist, dann vollzieht siA 
eine Art von »Teiiübersiedlung«. Wochenlang vorher ist sie 
unterwegs, durchrast sie die Geschäfte, probiert sie Toiletten, macht 
sie immer wieder Fehlendes ausfindig, stöbert sie Neues auf> 
das das Vorhandene in den Schatten stellt. Wochenlang vor der 
Abreise bereitet sie sich vor — um am Reisetag nicht fertig zu 
sein .. . 
Frauen sind nie fertig — sagt man. Ob mit Recht oder Un 
recht, und ob es zu loben oder zu beklagen ist, darüber läßt sich 
streiten. Ich für mein Teil ziehe Frauen, die nicht »immer fertig«, 
nicht immer »gestiefelt und gespornt« dastehen, den andern vor. 
Die leibhaftigen ever ready-Frauen sind nicht mein Fall! Das 
Badeanzug aus schwarzem Seidentrikot mit gestickten Motiven. 
ModetT: A. C. Steinhardt. 
ever ready läßt sich natürlich in verschiedenem Sinne auslegen — 
in keinem gefällt es mir. 
Eine Frau, die immer fertig ist, hat so etwas, na, wie sage ich 
nur gleich? — so etwas »Wandervogelmäßiges« an sich. Ihre 
Toilette ist ohne Komplikation, dito ihre Frisur und wahrscheinlich 
— auch sie selbst. Kommt da acht Uhr abends ein alter Freund 
zu ihr und sagt: »Nu, aber mal ganz dalli, dalli, wir gehn bummeln, 
zuerst fein soupieren und dann noch weiter« — — dann steht sie 
knapp darauf mit strahlendem, genußlüsternem Antlitz fix und fertig 
vor ihm/ denn ihren Covertcoatpaletot Überwerfen, irgendeinen 
Hut irgendwie aufstülpen und Handschuhe in die Hand nehmen 
<sie werden unterwegs vielleicht, vielleicht auch nicht angezogen), 
ist das Werk von fünf Minuten. 
Auf der Reise sind solAe Frauen sicher das Ideal, was Bequem 
lichkeit anbelangt, aber als Stützen der Eleganz kommen sie nicht 
in Betracht. Sicher ist das nicht weiter bedauerlich, im Gegenteil, 
es ist erfreulich — denn es gibt uns das Recht, anzunehmen, daß 
sie in anderen, ungleich wertvolleren Eigensdiaften exzellieren und 
sieh ihres Versagens im Punkte Eleganz bewußt sind. 
Stützen in diesen Fragen sind Frauen wie meine Freundin Lu. 
SArankkoffer, Kommodenkoffer, suit=case, so sAwer, daß die Zofe 
es kaum ersAleppen kann, sind ihr »Reise-Lebensbedingung«. In 
ihrem »ReisesArank« sieht es gar bunt aus! Bunt wie eine rnannig- 
faA bekleAste Palette. Denn an der See, am Strande, feiert — zum 
UntersAied von der Großstadt — die Farbe Triumphe. An der 
See entsAädigt siA Lu für die Farbenabstimmung, zu der sie das 
städtisAe Leben als große Elegante mehr oder minder zwingt. 
Da gibt es rosa und gelben Glasbatist oder ganz dernier cri: 
Weißen Glasbatist auf einem bleu de roi Unterkleid. DadurA 
entsteht ein eigenartiger, Aangierender Effekt. Dann das Leinen 
kostüm in jade-grün und das in ziegelrot mit weißen Baumwoll- 
litzAen besetzt, entspreAend einer neuen Modeliebhaberei. Und 
die VoilekleidAen, lila und blau und rosa und oAerfarbig — 
was weiß iA! Dann die weißen Kleider aus Wolle, WasAstoff 
und Bastseide mit Capes. Bald sind sie kurz, nur ein über den 
Rüden flatternder Stoff lappen, bald lang und mollig aus Wolltrikot.
        
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