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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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s wird gar nicht mehr lange 
dauern, und der Frau steht 
jeder männliche Beruf offen. 
J Wir in Deutschland sind in 
der Beziehung noch hinter anderen 
Ländern, wie etwa Amerika und 
Frankreich, zurück. Denn dort 
haben es die Vertreterinnen des 
weiblichen Geschlechts schon zu 
berühmten Advokatinnen und so 
gar Staaatsanwältinnen gebracht, 
während sie bei uns vorläufig noch 
nicht über den Referendar hinaus 
dürfen. Da man aber bereits von 
Einsetzung weiblicher Richter 
spricht, wird auch die Jurisprudenz 
bald keine Geheimnisse mehr für 
die Frauen haben, und wir werden 
uns vielleicht in Kürze auch eine 
so hervorragende Verteidigerin 
nehmen können, wie Frankreich 
sie in der klugen und hübschen 
Helene Miropolska besitzt, oder 
eine Staatsanwältin wie die noch 
jugendliche und reizvolle Mrs. 
Cathryn Van Leuyen, auf die Ame 
rika — mit Recht — stolz ist. 
ln den Verei- 
nigtenStaaten sieht 
man mit unge 
heurer Spannung 
dem Mordprozeß 
entgegen, derdem- 
nächst vor dem 
Schwurgericht in 
Ardmore zur Ver 
handlung gelangen 
wird. Clara Smith 
Hamon, die ange 
klagt ist, ihren Gat 
ten, den Multi 
millionär Jake L. 
Hamon, ermordet 
zu haben, wird, wie 
sie es sich ge 
wünscht hat, einem 
weiblichen Staats 
anwalt gegenüber 
stehen, eben jener 
Mrs. Cathryn Van 
Leuyen, die die An 
klage vertritt. Viel- 
Mrs. Cathryn Van Leuyen, 
ein weihficher Staatsanwaft. 
Die Cheiniherin. 
leicht erhofft die Angeklagte von 
einer Mitschwesteretwas mehr Ver 
ständnis für die immerhin heikle 
Angelegenheit, den Gatten vor 
eilig ins Jenseits befördert zu haben, 
als es ihr von männlichen Richtern, 
die sich zu leicht in die Lage des 
Ermordeten versetzen könnten, 
entgegengebracht würde. 
Außer dem weiblichen Staats 
anwalt, der doch wohl — selbst 
in dem Land der unbegrenzten 
Möglichkeiten - gegen Gatten 
mord plaidieren wird (!) - hat 
Clara Smith Hamon noch das 
Glück (?), ihre Interessen von den 
beiden bedeutendsten amerikani 
schen Verteidigerinnen vertreten 
zu sehen, Master Louise Whitfield 
Carnegie und Master Finley Shep- 
pard (Helen Gould). Wenn sie 
dann nicht freigesprochen wird, 
muß bei dieser Clara wirklich 
Hopfen und Malz verloren sein. 
Denn in Paris finden die milden 
Richter für jugendliche, anmutige 
Rachegöttinnen, denen Liebe oder 
Haß (beide woh 
nen ja bekanntlich 
dicht nebeneinan 
der) den Revolver, 
das Vitriolflakon 
oder den Gift 
becher in die klei 
ne weiße Hand 
drücken, immer so 
viele mildernde 
Umstände, daß die 
schönen Sünderin 
nen mit großer Re 
gelmäßigkeit frei- 
gesprochen undder 
Gesellschaft, die sie 
während der länge- 
renUntersuchungs- 
haft schon schmerz 
lich vermißt hatte, 
wiedergegeben 
werden. Hat doch 
sogar vor kurzem 
ein weiser und 
salomonischerRich-
        
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