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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

Dann kam das Erwachen. Eines Tages saß ich neben ihm, und wie 
gewöhnlich dachte ich über ihn nach. In der letzten Zeit hatte ich 
mich nicht recht wohl gefühlt/ eine Schwere und Mattigkeit lag mir 
in den Gliedern, als trüge ich ein schweres 
Gewicht beständig auf den Schultern, wäh- 
rend mir ein anderes auf dem Herzen la 
stete. Da erregte eine frischere Färbung 
auf den Wangen des Fremdlings meine 
Aufmerksamkeit. Ich beugte miÄ zu ihm 
nieder und sah unter seine geschlossenen 
Lieder. Seine Augen waren lebhafter und 
nicht mehr so tief. Die Melancholie schwand 
aus ihnen, wie ein Hauch von einer Glas 
scheibe verfliegt. Er wurde jünger. 
Ich sprang auf und lief zum Spiegel. 
In meiner Stirnlocke entdeckte ich zwei 
weiße Haare und an beiden Augenwinkeln 
nahmen ein halb Dutzend Furchen ihren 
Ausgang. Ich war jetzt ein alter Mann. 
Ich trat wieder zu dem Fremden und 
sah ihn mir an. Phlegmatisch wie ein in 
disches Götzenbild saß er da, und mir war 
es, als ob ich fühlte, wie das frische Blut 
aus meinem Herzen floß und seine Wan 
gen füllte. Minute für Minute beobach 
tete ich dieses langsame Wunder — der 
alte Mann verschönte sich. Wie eine 
Knospe, die sich eben entfaltet, kleidete er 
sich in liebliche Jugendlichkeit und mich 
ließ er in Schnee und Winter zurück. 
In größter Eile lief ich zum Zimmer 
hinaus und suchte meine Frau auf, der 
ich den Fall erzählte. »Ein Vampir ist 
es, den wir beherbergen«, sagte ich zu ihr, 
»er saugt mir mein bestes Blut aus, und 
unser ganzer Haushalt ist rein verhext«. 
Sie legte das Buch, in dem sie gerade las, 
beiseite und lachte mich an. Meine Frau 
war schön von Gesicht und ihre Augen 
waren das Licht meiner Seele. Wer es 
vermag, male sich meine Gefühle aus, als sie jetzt lachend die Partei 
des Fremden gegen mich ergriff. Als ich von ihr weg ging, war ein 
neuer Verdacht in mir rege geworden. »Wie soll das nun werden«, 
dachte ich, »wenn er, nachdem er mir meine Jugend gestohlen hat, er 
mir auch das einzige raubt, das noch wertvoller ist?« 
Tag und Nacht dachte 
ich in meinem Zimmer 
darüber nach. Ich haßte 
die Veränderung, die mit 
mir vorging und fürchtete 
Schlimmeres. Der Fremde 
verstellte sich nicht mehr. 
Seinen Kopf umrahmten 
goldene Locken/ weiße 
Zähne füllten die Höhlen 
in dem Munde aus, und 
in den Gruben aufseinen 
Wangen häuften sieh Ro 
sen. die unter einer durch 
sichtigen Haut glühten. 
Der verjüngte und un 
dankbare Aeson war es, 
der ruhig dasaß und vom 
Marke meines Körpers 
zehrte. 
Nachdem er meine 
Schwäche erkannt und 
sich darüber beruhigt 
fühlte, daß ich es nicht 
mehr wagen würde, ihn 
hinaus zu weisen, ließ er, 
der uns seine Sprache auf 
gedrängt und in unserem 
Haushalt einen gräßlichen 
Jargon, einen Mischmasch 
aus zwei Sprachen einge 
führt hatte, er ließ sich 
herab,sich unserer Sprache 
zu bedienen. Mit einer 
Bereitwilligkeitgebrauch- 
te er sie, die keinen Zwei 
fel daran ließ, daß er sich 
früher verstellt hatte, und 
in Zukunft bediente er 
sich ihrer allein, um uns 
seine Wünsche zu über 
mitteln. Über seine Ver 
gangenheit bewahrte er Schweigen, doch vertraute er mir gelegentlich 
einmal an, daß er die Absicht hätte, die militärische Laufbahn zu 
ergreifen, sobald er den Aufenthalt unter meinem Dache satt be 
kommen haben würde. 
Und ich seufzte in meinem Kämmer 
lein, denn das, was ich gefürchtet hatte, 
war eingetroffen. Offen machte er meiner 
Frau Liebeserklärungen. Die Augen, 
mit denen er sie ansah, und der Mund, 
mit dem er sie anlächelte, hatten mirgehört, 
und ich war jetzt ein alter Mann. Richtet 
zwischen mir und meinem Gaste. 
Eines Morgens ging ich zu meiner 
Frau, denn die Last, die auf meinen 
Schultern drückte, war kaum noch zu er 
tragen, und ich suchte Trost. Sie begoß 
grade ihre Blumen am Fensterbrett, und 
als sie mir ihr Gesicht zuwandte, merkte 
ich, daß die Jahre auch nicht im gering 
sten ihre Schönheit beeinträchtigt hatten. 
Und ich war alt geworden. 
So stellte ich sie denn des Fremdlings 
wegen zur Rede, sagte dies und jenes und 
auch, daß ich Ursache zu glauben hätte, 
daß er sie liebe. 
»Das tut er ganz bestimmt«, antwor 
tete sie und lachte dabei. 
»Ich möchte sogar glauben, daß seine 
Leidenschaft erwidert wird«, fuhr ich auf. 
Ihr Gesicht strahlte, als sie mich jetzt 
fest ansah und erwiderte: »Ganz gewiß 
wird sie das, Mann.« 
Da ging ich von ihr weg, hinunter in 
den Garten. Es war schon sehr heiß, 
und die Blumen ließen bereits ihre Köpfe 
hängen. Ith starrte sie an und konnte 
keine Lösung für das Problem finden, 
das in mir arbeitete und mich zu jpder 
Tageszeit quälte. Düstere Gedanken 
erfüllten nur mein zerüttetes und ge 
martertes Innere. Und dann sah ich auf nach Osten, über die 
Ligusterhecke zur Sonne, und ich sah, wie er über die Blumenbeete 
kam und sie aus reinem Mutwillen zertrat. Leichten, behenden 
Schrittes ging er und lachte. Er war ganz kraftstrotzende Jugend. 
Auf meinen Stock gestützt, erwartete ich ihn. Er schritt auf mich zu. 
»Gib mir deine 
Uhr!« rief er, als er 
näher kam. 
»Warum soll ich dir 
wohl meine Uhr geben?« 
fragte ich ihn. Dabei 
schien mir etwas in die 
Kehle gekommen zu sein. 
»Weil ich es will/ 
weil sie von Gold ist/ 
weil du zu alt bist und 
sie nicht mehr länger 
brauchst.« 
»Nimm sie«, schrie 
ich, indem ich die Uhr 
aus meiner Tasche riß 
und sie ihm in die Hand 
drückte. »Nimm sie - 
du hast mir ja doch 
schon alles genommen. 
Beraube mich — ziehe 
mich ganz aus - « 
Da hörte ich über 
mir ein süßes Lachen 
und ich drehte mich 
um. Von ihrem Fen 
ster blickte meine Frau 
auf uns herunter. An 
ihren Wimpern hingen 
Freudentränen, die Au 
gen glänzten. Ein Lä 
cheln umspielte ihre 
Lippen und verschönte 
ihr Angesicht. 
»Ach, entschuldige, 
lieber Mann«, rief sie 
mir lachenden Mundes 
zu, »du verziehst das 
Kind aber doch viel zu 
sehr.« 
Illustrationen von Steffie.
        
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