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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

Von Q- / Deutsch von J. Cassirer. 
Richtet zwischen mir und meinem Gaste, dem 
Fremdling in meinen Toren, dem Manne, den ich 
in seiner großen Not kleidete und nährte. 
I ch erinnere mich nod) ganz gut der Zeit seines Eintreffens. Es 
war nach fünf Tagen und Nächten, um die Zeit, zu der das Jahr 
seine Manneskraft überschritten hat und zu altern anfängt,- um jene 
Zeit, die zwischen dem Fortziehen der Schwalbe und dem Eintreffen 
der Rotdrossel liegt,- als die Schildkröte in meinem Garten ihr 
Winterquartier aufsuchre, und wir vor der Tag- und Nachtgleiche 
standen. Ein scharfer Ostwind wehte, der das Blut in den Bäumen 
erstarren machte, so daß ihre Blätter, dies eine Mal wenigstens, keiner 
lei Abstufungen zwischen Rot und Gelb zeigten, sondern gleich die 
braune Färbung annahmen und wie Blattzinn knisterten. 
Um fünf Uhr des Morgens am sechsten Tage blickte ich zum Fenster 
hinaus. Noch fegte der Wind über die Erde, aber am Himmel hing 
keine Wolke Direkt vor meinem Fenster leuchtete der Sirius in solcher 
Helle, daß meine Augen geblendet wurden. Etwas weiter nach rechts 
schwebte das ganze Sternbild des Orion über einem keilförmigen Riß 
in der Küste, an der man die See wohl vermuten, aber nicht sehen 
konnte. Und ließ ich 
meine Augen noch weiter 
schweifen, so erblickte ich 
zwei glänzende Lichter, 
das eine hoch über dem 
andern — das eine stän 
dig in einem feurigen Rot 
leuchtend, das andere 
gelb und in regelmäßi 
gen Zwischenräumen sich 
zeigend — das eine war 
der Aldebaran, das an 
dere war das, das sich 
oben auf dem fünfzehn 
Meilen entferntenLeucht- 
türm drehte. 
In der Mitte des Hori 
zonts, nach Osten zu, 
ging der Mond, der be 
reits in seinem letzten 
Viertel stand, auf. Ihm 
folgte die Dämmerung 
auf dem Fuße. Und um 
diese Stunde brachten sie 
mir den Fremdling und 
fragten midi, ob ich ihn 
wohl kleiden und gast 
freundlich aufnehmen, 
wollte. Woher er kam, 
konnte niemand sagen. 
Man wußte nur, daß er 
während der Nacht im 
Sturme gekommen war. 
In einer fremden Zunge 
sprach er und jammerte 
und weinte beständig. 
Das hörte sich so an, 
als wenn Vögel in einem 
Schornsteine sitzen und 
zwitschern. Eine lange und beschwerliche Reise mochte er hinter sich 
u jfk' , , nn se ' ne Beine krümmten sich unter ihm, und als man ihn 
hochhob, konnte er nicht stehen. Da es für jetzt keinen Zweck hatte, 
ihn nach »Art und Stand« zu befragen, so mußte ich mich mit dem 
begnügen, was mir die Dienstboten zu erzählen wußten — nämlich, 
da sie ihn vor wenigen Minuten erst, auf dem Gesichte liegend, auf 
meinem Grund und Boden gefunden hatten, daß er weder Stock noch 
in 3 «einer *f S “j ge c abt \ und daß er, barhäuptig und ganz erschöpft, 
n seiner fremden Sprache um Hilfe geschrien hätte. Aus Mitleid 
nahmen sie ihn auf und brachten ihn zu mir. — Nach dem Aussehen 
dieses Mannes zu urteilen, schien er schon hundert Jahre alt zu sein. 
Sein Kopf war ganz kahl, das Gesicht vollständig verrunzelt und dort, 
wo die Zähne sein sollten, hatte er tiefe Höhlen; das Fleisch hing 
ihm lose und schlapp von den Backenknochen, und die Farbe, die er 
zeigte, muß wohl die Folge davon gewesen sein, daß er in dieser 
kalten Nacht so lange bloß gelegen hatte. Sein hohes Alter verrieten 
namentlich seine Augen. Blau und tief waren sie, und voll mit der 
Weisheit der Jahre. Als er seine Blicke auf mich richtete, schienen 
sie durch mich und über mich zu gehen/ Jahrhunderte voller Schmerz 
und menschlichen Leides schienen sie zu durchwandern, als ob sein 
gegenwärtiges Mißgeschick nur ein kleines Glied einer langen Kette 
wäre. Sie jagten mir Angst ein. Vielleicht wollten sie mich warnen 
vor dem, was ich von den Händen seines Besitzers leiden sollte. Aus 
Mitleid hieß ich meine Diestboten den Fremdling meiner Frau zu 
bringen, ich ließ ihr sagen, sie möchte ihm Essen vorsetzen und auch 
darauf achten, daß er es 
über die Lippen brächte. 
Das habe ich für den 
Fremdling getan. Jetzt 
höret, wie er (Wir dafür 
gedankt hat. 
Er har mir die Jugend 
geraubt, von meinem 
Körper gezehrt und mich 
um die Liebe meiner 
Frau gebracht. 
Von der Stunde an, 
in der er den ersten Bis 
sen in meinem Hause zu 
sich nahm, machte er 
keine Miene wegzuge 
hen. Modite er sich nur 
verstellt haben, oder hat 
ten Alter und Leiden 
seineGlieder wirklich ge 
lähmt, — genug, er ge 
wann langsam seine Le 
benskraft wieder und 
allzulange dauerte es 
auch nidtt, da konnte er 
aufrecht stehen. Inzwi 
schen ließ er sich unsere 
Gastfreundschaft gut be 
kommen. Meine Frau 
pflegte ihn und meine 
Dienstboten rannten auf 
den bloßen Wink von 
ihm. Es war ihm ge 
lungen, sie ein paar 
Brocken seiner Sprache 
zu lehren, während er 
die unsrige sich nur ganz 
langsam aneignete. Ich 
glaube, das letztere ge 
schah aus Berechnung, damit niemand ihn nach seinem Geschäfte frage, 
das ein Geheimnis blieb oder ihm zu vers’ehen gäbe, daß es Zeit sei 
wegzugehen, lcfi selber kam oft in das Zimmer, das er in Besitz ge 
nommen hatte, und konnte hier stundenlang weilen und ihm in seine 
unergründliien Augen sehen. Dabei zerbrach ich mir den Kopf, was 
er wohl mit seinem Geplapper sagen wollte. War ich mit meiner Frau 
allein, so grübelten wir gar manchmal über seinen mutmaßlichen Beruf. 
War er ein Kaufmann oder ein alter Seefahrer, Bettler oder Dieb? Wir 
konnten das nicht entscheiden, und er gab uns darüber keine Aufklärung
        
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