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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Von ßubert WCiketta. / Zeichnungen uon flegeCsky nach JZodetten der 7irma CL, C. Steinhardt JberCin 
\ Äit den ersten warmen Sommertagen erwacht in den 
1 VI meisten Großstädten die Sehnsucht nach der Ferne, 
nach grünen Wäldern und Auen, nach schneebedeckten 
Bergriesen und nach heißem Dünensand, in dem man 
sich vergraben und dem Pulsschlag des Meeres lauschen 
kann. Vergessen sind Kurfürstendamm, Tauentzien» 
Straße und alle gewohnten Bummelstätten, der Reise» 
fieberbazillus wühlt im Blut und gibt nicht eher Ruhe, 
bis ein fester Plan für die Sommerreise gemacht ist. 
Gelbe und graue Koffer» 
ungetüme werden aus ihren 
Verstecken hervorgeholt und 
von Staub und Spinneweben 
befreit, die sich während des 
langen Winterschlafes ange» 
setzt haben. Da treffen die 
ersten Antworten auf An» 
fragen in den diversen Kur» 
orten nach den Pensions» 
preisen ein. Und oh Schreck, 
überall sieht man lange Ge» 
siebter. In diesem Jahre 
kostet eine Person soviel 
wie in der vergangenen Sai» 
son eine ganze Familie. 
Viele werden heuer auf die 
gewohnte Sommerreise ganz 
verzichten müssen, und die» 
jenigen, die — wenn auch 
nur in ein bescheidenes Ost» 
seebad — reisen, werden sich 
in allem außerordentlich ein» 
schränken müssen. Weh» 
mütig streift der Blick die 
bunten Zettel und Marken 
auf den Koffern. Die von 
herrlichen Reisen an die Cote 
d'Azur, nach Italien und an 
die Adria erzählen. Bei den 
teuren Eisenbahntarifen wird 
man mit dem Sparen sogar 
bei dem Gepäck anfangen 
müssen und nur das unum» 
Sdlafrocß aus Seidenßroßat, 
gfocfa'gc Keulenärmel, Ragfan. 
Ripsseidene Aufsdläge und 
Sdalßragen. Auf farßig ge . 
streißem Tajfel verarßeitet. 
gänglich Notwendige mitnehmen können. Früher bestand 
dieses unumgänglich Notwendige aus einem Schrank» 
koffer, einem Rohrplattenkoffer, dem flachen Coupekoffer 
und Suit=case. <Nicht zu reden von Hut» und Stiefel» 
koffern.) Heute ist an einen derartigen Gepäckluxus 
nicht zu denken, und man wird sich mit einem oder zwei 
Gepäckstücken begnügen müssen. Heute, wo Kleidungs» 
stücke ein Vermögen kosten, stellt ein gepackter Koffer 
einen erheblichen Wertgegenstand dar, und man will 
doch auf einer Erholungs» 
reise auch der drückenden 
Sorge um aflzuvieles Ge» 
pack, das leicht verloren 
gehen kann, enthoben sein. 
Man wird bei der Doktor» 
frage: »Was nehme ich mit in 
die Sommerfrische?« natürlich 
Unterschiede machen müssen. 
Bei einer Reise aufs Land, 
während der man sich bei 
einem Bauern einquartiert, 
genügt ein Touristenanzug 
und ausreichende W äsche. 
Aber in Bädern, an der See 
oder gar in Luxuskurorten 
darf der korrekt Gekleidete 
nicht so spartanisch bei der 
Mitnahme von Kleidungs» 
stücken verfahren. 
Wer nach Marienbad oder 
Karlsbad reist, wird für den 
morgendlichen Aufmarsch zur 
Trinkkur in den Brunnenko» 
lonnaden den Norfolk aus 
grauem Homespun mit 
Knickerbockers wählen. Der 
bequeme Jackenanzug, der 
auch möglichst einfach ge» 
schnitten sein soll, bildet für 
diesen Zweck den legersten 
und doch korrektesten An» 
zug, auf dem man nicht jeden 
Spritzer bemerkt. Zu dem 
Regenmantelaus Gaßardine, 
mit /tariertem Wodfutter,. im 
Raglanscßnittverarßeitet Aß- 
neßmßarerRüdtenriegel. Audi 
Beim Reitsport zu verwenden.
        
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