Path:

Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

3 
.Lassen Sie ja mein Gefd fiegen / ” 
dringlich vor, während und nach dem Spiel ge® 
äußert werden. Auf irgend einem erhöhten Sessel 
thront ein unglücklicher Mensch, der gewöhnlich 
früher die mit Recht so beliebten besseren Tage 
gesehen hat und jetzt für seine Tausender pro Tag 
die sogenannte Spielleitung übernommen hat. 
Eine Position, die viel mit der eines Mannes 
Ähnlichkeit hat, der vom hohen Rat oder der 
gestrengen Inquisition peinlich befragt wurde. Er 
muß eine Stimme haben, wie ein Rhinozeros und 
eine Haut wie vier dieser Vierfüßler, wie vier 
dieser Pachydermen zusammen. Erstens hat er 
alle zwei Minuten zu heulen: »Meine Herren, ich 
bitte um Ruhe«, zweitens hat. er in tunlichst nicht 
beleidigender Porm die Damen zurechtzuweisen, 
die, wenn die Partie für die Ponte 4:0 steht, 
schnell noch einen Hunderter nachschieben, und 
drittens hat er die Entscheidungen in Streitigkeiten 
zu treffen. Letzteres dürfte seine angenehmste 
Funktion sein. Er muß richten, daß Salomo sich 
wie ein Hundgenie vorkommt. Er kann nur einem 
Recht geben und dann bekommt er es vom anderen 
aber gründlich zu hören und kann froh sein, wenn 
man ihm nicht vorwirft, daß er von der anderen 
Partei bestochen ist. Einen angenehmen Posten 
hat auch der Croupier. Ihm liegt es ob, nachzu® 
zählen, was die Ponte gesetzt hat und im Ge® 
winnfalle die Bezahlung vorzunehmen. Viele 
Partien, die ohne Differenzen gespielt wurden, habe 
ich noch nicht erlebt. 
Was glauben Sie, wird in so einem Klübchen 
nur mittlerer Ordnung umgesetzt? Ich kann es 
Ihnen verraten. Das Kartengeld, das nur vom 
Chouetteur erhoben wird, beträgt 3 Prozent vom 
jedesmaligen Einsatz. Der Durchschnittsverdienst 
des Klubhalters, ohne Abzug der Spesen aller® 
dings, beträgt pro Nacht 15000 Mark, also eine 
halbe Million wird jeden Tag hier hin und her 
geschoben, und man kann wohl behaupten, daß 
bei keiner Arbeit, und sei sie noch so interessant 
und wichtig, die daran Beteiligten so mit ganzer 
Seele und mit ganzem Herzen dabei sind, wie hier 
beim Spiel, und wenn es noch lauter Gewerbs® 
mäßige wären, aber es sind Leute, die tagsüber 
arbeiten und dann die Woche mindestens dreimal 
von nachmittags fünf Uhr bis morgens zur selben 
Stunde in dumpfigen Räumen unter steter An® 
Spannung ihrer Nerven ihre Zeit verbringen. Man 
berechne sich selbst, welchen Wert die Klubs für 
die Erhaltung unserer Volkskraft haben, anderer® 
seits, man kann die Natur mit der Mistgabel 
austreiben, wie Horaz sagt, sie wird immer wieder 
zurückkehren. Spielerheil ist ein Unfug, und so 
ist es schon am besten, man läßt die Leute bei 
dem noch verhältnismäßig ruhigen Ecarte, als wie 
beim Bakkarat, das noch mehr Nerven und Geld 
von allen daran Beteiligten fordert. 
I 
Äh, hofossafes Gfüch, junger Mann/’
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.