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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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FrühlingsfaArf auf der Avus 
H einrich Heines melancholisches und sarkastisches Wort, daß 
der deutsche Frühling nichts weiter ist, als ein grünange- 
strichener Winter, trifft in diesen Tagen nicht bloß auf 
unsere Meteorologie, sondern 
auch auf unsere Politik und 
Wirtschaft zu, aber tro^- 
dem ist überall wirklicher 
Frühling. Der grüne 
Anstrich an den Bäu 
men besteht nicht 
ausölfarbe,sonde rn 
aus richtigen Knos 
pen, und in Politik 
und Wirtschaft 
geht es tatsäch 
lich vorwärts 
und aufwärts 
trotz eiskalter 
Reparations- 
stürme und der 
verdrossenen 
grauen Wol 
ken, in denen 
innereStreitig- 
keiten und Un 
ruhen grollen. 
Und deshalb soll 
uns niemand hin 
dern, uns ein 
paar zuverlässigen 
Freunden anzuver 
trauen, die uns in 
ihre weitgeöffneten, 
starken Arme nehmen 
und uns, weicher ge 
bettet als Kinder im 
Mutterarm, wiegend 
hinaustragen wollen: 
in die Sonne, den 
Frühling. Selbstverständlich meine ich die Automobile, meine Damen. 
Gewiß, lassenSie unsGoethe ruhig umdichten! Etwa so: Aber anBlu- 
men fehlts im Revier, wir nehmen bunte Autos dafür! Nämlich 
unsern elfenbeinfarbenen Hansa-Lloyd, der mit seinem Lilienkelche 
Klubsessel statt der Staubgefäße umschließt, und draußen treffen 
wir dann den schlanken Brennabor, der mit seinem satten Rot die 
noch fehlenden Kuckucks-Lichtnelken ersehen soll, und den dunkel 
blauen NAG, der die Farbe der Treue mit demselben Rechte 
trägt, wie das deutsche Waldveildien und deine Augen, meine 
blonde Freundin! Was, Sie sind eine südamerikanische Wildkatze, 
schöne, schwarze Frau? Sehr möglich! Ach, den Pelz aus süd- 
amerikanischer Wildkatze wollen Sie anziehen! Gewiß eine recht 
charakteristische Kleidung für Sie. Aber in diesem Punkte sind 
wir heute unerbittlich, Inge darf nicht mal ihre Seehundjacke mit- 
nehmen. Die schwarze Dame in braunem Nappaleder, den grauen 
Wildlederschal genial um den Hals geschlungen, und meine 
Blonde in der grünen Wildlederjacke! Na also, auch noch mit 
Plaid gefüttert! Da könnt ihr 
euch ja beim besten Willen 
nidit erkälten. Und den 
Schleier bindest du 
freundlichst wieder 
ab, meine Teure. 
Die Ledermütze mit 
Nackenschutz ist 
vollständig aus 
reichend. Ich 
denke nicht da 
ran,mirvondei- 
ner Schleier 
schlange das 
Gesidit peit 
schen zu las 
sen. Dein 
Teint? Liebes 
Kind, eine 
junge, gesun 
de Frau hat 
überhaupt kei 
nen Teint, son 
dern bloß eine 
Gesichtsfarbe, 
und zwar eine 
möglichst frisdie. 
Sonne und Wind 
sind die besten Kos 
metika, die ich kenne. 
Bitte, einsteigen! — 
60 indizierte und 
18 Steuerpferde scharren 
schon ungeduldig mit den 
Hufen. jawohl, die Birken 
dürfen noch grüne Schleier tragen, 
die Damen nicht mehr! Hailoh, die andern warten schon. Das 
Rennen beginnt. Die Nordschleife wird um zwei Meter verbreitert 
und dadurch zehn Meter breit gemacht. Und die häßliche große 
Sickergrube dort wird zugeschüttet. Aber freilich, dreißigtausend 
ganz bequem! ln der Südschleife wird sogar eine Grasnarbe 
gelegt und deren ganzer Innenraum in Zuschauerplätze verwandelt. 
Das hier ist die neue Kurve, durch die eine verkürzte Strecke von 
etwas mehr als acht Kilometern geschaffen wird, damit auch 
Rennen mit kleinen Feldern wirkungsvoll herausgebracht werden 
können. Donnerwetter, jetzt gibt er aber Gas! Doch wundervoll, 
mal so eine Strecke, auf der gefahrlos alles herausgeholt werden 
kann, was die Maschine hergibt. Ja, ja, jetzt heißt es, sich zurück 
lehnen und den Mund halten. Die Tachometemadel hat das Wort. 
Donnerwetter, 95 — 100 — 1051 E rlc t
        
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