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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Der Gatte (zu sich selbst): Zaudre nur, Süße. Wähle 
nur. Du weißt gar nicht, daß du vielleicht das Glück deines 
Lebens rettest, indem du nicht zwischen dem taupefarbe- 
nem Rode und der blauen Hemdbluse entscheiden kannst. 
Fahren wir fort. Vielleicht lautet er: »Mein angebete- 
ter Engel, auf den Knien erwarte ich Dich heute Nach 
mittag in unserem Heiligtum« — oder vielleicht so: »Mein 
süßer Schatz, heute Nachmittag springe mir in unserem 
kleinen Nest an den Hals«. Beide Fälle sind — auch 
abgesehen vom Ton — unangenehm. Ja, jetzt komme ich 
erst darauf, daß hier »ce Test pas le ton, qui fait la 
musique«. Denn die Musik mache unbedingt ich zu diesem 
Schauspiel, noch dazu aus vollem Halse, und . . . (schluckt 
und schneidet ein Gesicht dazu, als hätte er Chinin ohne 
Kapseln geschluckt). Nein. Hierauf bin ich nicht einge- 
richtet, das hätte ich niemals erwartet, hieran habe ich 
nie gedacht. Von heute früh bis heute Nachmittag bin 
ich durch alle Stationen von der vollkommensten Glück- 
Seligkeit bis zur vollkommensten Unglüdcseligkeit hindurch 
gesaust, .... ich habe keine solche Expreß-Seele .... 
Ich habe eine Personen-Seele, ja, wie jeder zufriedene 
Mensch, eine Lasten-Seele. In allen Dramen, Romanen, 
Novellen schöpft doch der Gatte immer längst schon Ver 
dacht, bemerkt seit Monaten »das eigenartige Betragen 
seiner Gattin«. In dem Gatten reift der Verdacht, ent 
wickelt sich, wächst, wird mächtig. Der unreife Verdacht 
ist der Samen aller Tragödien. Bevor der Mensch handelt, 
bedarf er einer Menge Überlegung. Er braucht völlige 
Gewißheit, heilige und ernste Überzeugung, und dann 
erst kann das »flagrant de- 
lict« kommen. Das heißt, 
es soll lieber nicht kommen. 
Kluge Leute verbrennen in 
solchem Fall die Brücke vor 
sich. DieBrücke, diezur lin- 
glückseligkeit führt. So ist 
es. Ich werde den Brief 
verbrennen. So weiß ich 
wenigstens nicht, ob darin 
gestanden hat: »Im Auf 
träge unseres Herrn Ver 
sitzenden beehre ich mich, 
Euer Hoch wohlgeboren..« 
oder: »Mein süßerSchatz«. 
So ist es. Ich werde den 
Brief verbrennen, und 'bis 
die Frau im Taupe-Kleid 
hier erscheint, sind auch die 
letzten Spuren dieses totge 
borenen Ehebruchsdramas 
verschwunden. (Steht auf, 
nimmt den Brief aus der Tasche und geht damit auf den 
Ofen zu. In diesem Augenblidc tritt die Frau ins Zimmer, 
in einem dunkelgrünen Kleid. Der Gatte steckt den Brief 
rasch in die Tasche.) 
Die Frau: Was für einen Brief hast du eben eingesteckt? 
Der Gatte (dumm): Ich? 
Die Frau: Ja, du. Als ich die Tür aufmachte, zucktest 
du zusammen und stecktest einen Brief in die Tasche. Ich 
sah ganz deutlich, daß es eine Damenschrift war. 
Der Gatte: Es war eine Herrenschrift. 
Die Frau: Lüge nicht. Ich sehe es dir am Gesicht an, 
daß du lügst. Du wirst den Brief hergeben. 
Der Gatte: Das nicht. 
Die Frau (mit Strenge): Und zwar sofort. 
Der Gatte: Niemals! (Geht zum Ofen und Öffnet ihn.) 
Die Frau: Was machst du mit dem Brief? 
Der Gatte: Ich verbrenne ihn. (Will ihn hineinwerfen.) 
Die Frau (faßt ihn am Arm): Du verbrennst den Brief 
nicht,- ich will ihn sehen. Ich will wissen, wer dir solche 
Briefe schreibt, die du deiner Frau nicht zeigen kannst! 
Der Gatte: Nicht mir . . . das heißt, doch . . . aber . . 
Die Frau: Stottere nicht! Du hast kein Talent zum 
Lügen. Gestehe alles, das ist noch am besten und gib 
den Brief her. 
Der Gatte (die Hand mit dem Brief schon dicht vor der 
Ofentür): Ich gebe ihn nicht. Und ich mache dich auf 
merksam, daß ich lieber meine Hand verbrennen als dir 
den Brief geben würde! (Mit einer kräftigen Bewegung 
befreit er seinen Arm und wirft den Brief ins Feuer, der 
sofort in Flammen aufgeht.) 
Die Frau (schreit laut auf): Du hast ihn hineingeworfen? 
Der Gatte: Jawohl (schluckt tief). 
Die Frau (weinend): Du hast meine Seligkeit vernich 
tet. . . . Jetzt kannst du sagen was du willst, ich glaube 
es doch nicht,- ich werde immer denken, daß du ihn von 
deiner Geliebten bekommen hast. Trotzdem vielleicht, wenn 
du ihn gezeigt hättest, sich 
eine Rechnung herausge 
stellt hätte, die du verheim 
lichtest, oder die diskrete 
Angelegenheit irgend eines 
Freundes. Aber so werde 
ich nun immer glauben, 
daß du mich betrügst. . . . 
Das kannst du niemals 
wieder gut machen,niemals! 
Der Gatte: Aber, auf 
Ehrenwort . . . 
Die Frau: Nein, nein, 
es ist alles umsonst! Ich 
glaube nichts. . .. Du bist 
erschrocken,hast ihn schnell 
verbrannt. . . . Du hattest 
Grund dazu. Sage mir 
gar nichts. Du hast mein 
Lebensglück verniditet...! 
(Stürzt hinaus und weint 
im Nebenzimmer laut.) 
Der Gatte (zu sich selbst): . . . aber wenigstens 
das eigene gerettet. Sonst wären vielleicht beide ver 
nichtet worden. Eins ist weniger als zwei. Besonders, 
wenn das eine — dem anderen gehört. Der Mensch ist 
ein egoistisches Tier. (Zuckt die Achseln, ergibt sich in 
die Tragödie und rüstet sich zum Ausgang. — Der 
Vorhang fällt.) Deutscß von Barßara Triecfmann.
        
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