Path:

Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

6 
Brief im Feuer 
L'OvV FRANZ MOLNAR 
{Schauplatz: ein schön eingerichtetes, großes Zimmer. Ringsumher weist alles auf Wohlhabenheit. Große, teure, bequeme 
Möbel. Vorfrühlingsmorgen. Der Ofen knistert noch/ aber es ist schon sein Schwanengesang. Heute oder morgen 
beginnt er seine Sommerferien. Der Gatte sitzt am Tisch und liest die Zeitung. Er raucht eine Zigarre. Man sieht 
ihm an, daß er zufrieden ist mit dem Frühling, der Zeitung, der Zigarre, mit dem ganzen Leben. Dann läßt er die 
Zeitung sinken und bildet auf seine Uhr. Jetzt langweilt er sich augenscheinlich. Plötzlich klingelt es draußen. Er 
freut sich über die cingetrefene Abwechslung und geht, um die Tür zu öffnen. Vor der Tür steht der Briefträger.) 
Der Gatte: Bringen Sie Briefe? 
Der Briefträger: Jawohl, gnädiger Herr. Auf Wieder« 
sehen. (Drückt ihm einen Stoß Papier in die Hand.) 
Der Gatte: Auf Wiedersehen. (Geht ins Zimmer und 
legt die Post auf den Tisch.) 
Die (Stimme der) Gattin (aus dem Nebenzimmer): 
Wer hat geklingelt? 
Der Gatte: Der Briefträger, mein Kind. 
Die Frau: Ist auch für midi etwas Post dabei? 
Der Gatte: Ich werde 
gleich sehen. Beeile dich nur 
ein wenig. 
Die Frau: Ich komme gleich. 
(Man hört Schranktüren zu 
schlagen.) 
Der Gatte (liest die Post, 
murmelt zufrieden vor sich 
hin): das ist der neue Pro» 
spekt von der Braunsdien 
Bank. »Hervorragendes 
Glück, bei David Braun.« 
Hübsch. »Gottes Segen bei 
David Braun, Bankgeschäft.« 
Wundervoll. »Welches ist 
Ihr Lieblings - Kriegsschiff? 
Neben jedem Schiffsnamen 
ist eine Glückszahl zu lesen. 
Sikisima. Ahosima. Knyaz. 
Suvarov. Gromoboj . . .« 
Ausgezeichnet. Weiter. Das 
ist hier von der »Emke«. 
Ich soll Mitgliedsbeitrag zah= 
len. Meinetwegen. Ich zahle 
ja doch nicht. Und das? Eine Verlobungsanzeige. 
(Ruft in das andere Zimmer hinein:) Helene! Mieze 
Lahner will «ich verheiraten! 
Die Frau: Heiliger Vater! Wer ist denn der Glückliche? 
Der Gatte: Er heißt Borschodi. 
Die Frau: Habe ich keine Post? 
Der Gatte: Gleich, gleich .. (Sieht die Post weiter durch.) 
Die Frau: Wer ist dieser Borschodi? 
Der Gatte: Borschodi? Das ist eben Borschodi. 
(Nimmt einen Brief vom Tisch. Die folgenden Worte 
spricht er teils leise, teils denkt er sie nur:) Was ist 
denn das? Für meine Frau. Hm. Graues Leinenpapier. 
Kraftvolle Herrenschrift . . . von wem . . .? Aus Buda= 
pest. Merkwürdig. Ich kenne die Schrift nicht. (Be« 
trachtet lange den Umschlag.) Sehr - verdächtig. (Er 
beginnt sich unbehaglich zu fühlen.) Eigentlich gehörte 
es sich, daß ich den Brief 
ohne ein Wort, ohne irgend 
etwas zu fragen, ohne jeg« 
liehe Bemerkung der Frau 
hingebe und nie im Leben 
auch nur mit einem einzigen 
Wort verrate, daß dieser 
Brief mich mehr interessiert 
hat als alle Prospekte des 
Braunschen Bankhauses oder 
die Verlobung von Mieze 
Lahner. So gehörte es sich 
eigentlich. (Betrachtet den 
Brief.) So ist es. So ge« 
hörte es sich. 
Die (Stimme der) Frau: 
Marie! Tragen Sie meine 
gelben Schuhe hinaus. Putzen 
Sie mir die schwarzen Knopf« 
Stiefel und bringen Sie sie 
dann herein! 
Der Gatte: Sie zieht sich 
also noch lange an. Gehören 
würde es sich, wie gesagt, so. 
Aber das Richtige wäre doch, jetzt diesen Brief . . . 
(Packt den Brief, als wolle er ihn öffnen.) So ist es. 
Das wäre das Richtige. Sie ist noch bei den schwarzen 
Knopfstiefeln/ also dauert es noch lange, denn sie hat 
sie eben erst zum Putzen geschickt. Also kommt sie 
sobald noch nicht. Hingegen könnte ich jetzt diesen 
Brief öff. . . (Packt ihn wieder, läßt ihn dann aber 
j 
j
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.