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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Somm&rCicfoe. 
Somm&rkfcid&r 
Von Margarete uon Suttner. 
D er Mensch muß verlieren, um zu wissen, was er besaß — 
diese ernsten Worte passen nur allzu gut auf die heitere Mode. 
Die heutigen Frauen wissen gar nicht, welchen Schatz sie an 
der Gegenwartsmode besitzen! Um ihn zu lieben, um sich mit 
Händen und Füßen an ihm anzuklammern, ist es nicht nötig, das 
Auge auf die Moden längst vergangener Jahrhunderte zurüdczulenken. 
Es genügt, die Mode des 19. Jahrhunderts miterlebt zu haben, um 
zu wissen, w i e grausam die Mode sein kann. Denn grausam war 
sie im Vergleich zu heute. Allein das eine, das elementare Mo» 
ment: der brettharte, hohe Stehkragen. Ob Winter, ob Sommer, er 
war Gebot, nur die ausgesprochene Abendtoilette gestattete dem 
Frauenhals, sich entblößt zu zeigen. Sommerkleider im wahren 
Sinne des Wortes gab es damals kaum, alle Taillen waren auf 
dichtem Futter fest anschließend gearbeitet, die Ärmel vorn oben eng 
anliegend, und immer war das genannte Marterinstrument, der ge» 
waltige Stehkragen, vorhanden. 
Was würde wohl ein modernes »Tanz»girl«, eine fesche »Sport» 
lady« — so heißt es wohl jetzt? — dazu sagen, wenn man ihr eine 
derartige Verpackung zumutete? Oder dürfen wir den Spieß um» 
drehen und sagen : Solange es so grausame Moden gab, konnte eben 
Große Gfodie aus gezogenem, dun&eßßßauem Taft mit Bfumen. 
Hutmodell: Gary. 
Ein gescßmadtvolTes Sommerßfeid aus papierßfauem 
und weißem Voife. - Großer Hut aus ßßauem 
Crepe de Cßine mit aßscßattiertem BCumenßukett. 
Modell: Gerson-Prager Hausdorff. • Hutmodell: Gary. 
weder die Tanz» noch die Sportmanie bestehen,- denn diese beiden 
und die Äußerungsformen der Mode bilden eine Tripelallianz, die 
so leicht nicht zu sprengen sein wird. 
_^* r ^ a j en . a ^ so ^eute wieder echte, rechte Sommerkleider/ viel 
duftiger sind sie, und viel mehr Freiheit lassen sie dem Körper als 
die der Biedermeierjahre, die uns noch vor zwei Jahrzehnten, wenn 
die Hundstagssonne erbarmungslos auf uns niederstrahlte, mit Neid 
erfüllten und als ein für die Frauenwelt unwiederbringlich verlorener 
Schatz erschienen. 
Obwohl die Grenzen des Dekolletes der modernen Sommerkleider 
ganz ungleich enger gezogen sind als die, um welche wir in heißen 
Sommertagen die als Muster von Zucht und Sitte hingestellten 
Biedermeierdamen beneiden, haben die modernen Kleider, so wie 
große Couturiers sie arbeiten und große Modedamen sie tragen, doch 
etwas — wie soll man nur sagen? — viel, »viel Dekolletiertes« an 
sich. Wieso? Heikle Frage! Batist, Organdy, Voile, Crepe geor» 
gette und Crepe de Chine, Tüll und Spitzen werden auf einer Unter» 
läge gearbeitet, kaum dichter als sie selbst, und diese Unterlage 
wieder liegt auf Dessous, die fast nur noch dem Namen nach exi» 
stieren und das Korsett nach Tunlichkeit ausschalten. , . . Daraus 
resultiert eine Art von Halbtransparenz, sozusagen ein verschleiertes 
Gesamtdekollete.
        
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