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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Ini wunderschönen Monat Mai, 
wo alle Knospen sprangen — 
hat man die Frage an das Schicksal frei: 
wohin wird diesen Sommer wohl gegangen? 
H rau Kommerzienrat fragt es halb wehmütig, halb trotzig den 
Herrn Kommerzienrat, und der Herr Kommerzienrat erklärt 
--dächtig, zunächst mit seinem Hauptbuch Rücksprache nehmen 
:u wollen. Er tut recht daran; denn die Teuerung, über die alle 
Welt klagt, hat sich ganz besonders auf das Reisen erstreckt. Der 
Fiskus mit seiner unermüdlich sich drehenden Tarifschraube und die 
Wohnungsvermieter, die in den Sommerfrischen und Bädern auf 
den Zustrom der valutastarken Ausländer wie auf den Messias warten, 
arbeiten mit vereinten Kräften daran, das Reisen zu einem Luxus 
der oberen Hunderttausend zu gestalten. Somit würde auch die 
Frau Koinmerzienrätin, die wir zu Beginn unseres Artikels unseren 
Lesern vorgestellt haben, falls die Unterredung ihres Mannes mit 
seinem Hauptbuch ungünstig ausgeht, ein Opfer des Weltkrieges 
und des Reparationsfriedens sein. Aber sie wird es nicht sein, denn 
da nach dem französischen Sprichwort »Was die Frau will, Gott 
will«, so wird sie ihrem Gatten klar machen, daß seine Nerven 
unbedingt eine Ausspannung verlangen, und daß sie sich das neue 
Promenadenkieid doch nicht für die Tauentjienstraße habe machen 
lassen. 
Wem Gott will rechte Gunst erweisen, 
den schickt er mit der Frau auf Reisen. 
Und der Herr Kommerzienrat ist ein viel zu guter Ehemann, 
als daß er der Gattin diesen Wunsch abschlagen sollte, selbst auf 
die Gefahr hin, daß er seiner Lu, dem blonden Filmstar dritter Güte, 
die ihn so fest angekurbelt hat, statt des versprochenen Blaufuchses 
nur einen Weißfuchs andrehen sollte. 
Aber — »wohin wird diesen Sommer wohl gegangen?« Die 
fjual der Wahl hat sich wesentlich verengert. Denn das Ausland 
ist demjenigen, der bei seinen Verdienstmöglichkeiten nicht mit 
siebenstelligen Ziffern rechnet, ein Paradies, über dessen Entree 
die Inschrift der Danteschen Hölle steht: »Laßt alle Hoffnung fahren, 
die Ihr hier eintretet!« Aber »es ist kein Unglück noch so groß, 
es hat ein Glück in seinem Schoß«. Und so hat erst die Sphinx 
Valuta gar viele Deutsche die Entdeckung machen lassen, wie schön 
doch eigentlich unser Vaterland ist. Gar mancher Berliner (der 
Spreeathener ging ja früher mit Vorliebe ins Ausland, teils aus Bil 
dungstrieb, teils der Repräsentation wegen) hat erst, als der 
Schweizer Franc auf 50 Mark stieg, Swinemünde entdeckt oder 
eine Forschungsexpedition in die Urwälder des Harzes unternommen. 
Und da hat man denn zum allergrößten Erstaunen begriffen, daß 
man Ostende und Scheveningen auch an der deutschen Nordsee 
haben kann. Daß unsere Ostseebäder mit ihrem unvergleichlichen 
Strand und ihren herrlichen Wäldern keine ausländische Konkurrenz 
zu scheuen brauchen. Daß Thüringen, der Harz, das Riesengebirge 
und der Schwarzwald nicht bloß Wintersport, sondern auch 
sommerliche Erholung, mit allem Kulturkomfort der Neuzeit, bieten. 
Daß die Zugspitze 2000 Meter hoch ist, und daß in den 1480 Metern 
zwischen diesem höchsten Gipfel Deutschlands und München eine 
»Menge Hochgebirge« liegt. 
Kurz, man hat Deutschland zum zweiten Male entdeckt. Und 
da zwischen den Sommerfrischen, welche die Mindestpreise pro 
Bett auf 50 Mark festgese^t haben, und den Fischerdörfern, welche 
meinen, daß es nur einer Badezelle und zweier Handtücher bedarf, 
um als Weltbad zu firmieren, eine ganze Menge Zwischenstufen 
vorhanden sind, die Raum für die Anpassungsfähigkeit des Geld 
beutels lassen, so werden zum Schluß auch Herr und Frau Kom 
merzienrat diesen Sommer ihr Unterkommen finden. Und alle 
die anderen Asphaltmüden, deren Sehnsucht auf die Rückkehr zur 
Natur steht, ln diesem Sinne wünschen wir jeder Leserin und 
jedem Leser für einige Wochen vergnügte Flucht aus dem Ber 
liner Leben, bis auf die vor unserem Blatt, das ihnen prompt 
in die Sommerfrische nachgesandt werden wild. R. P. 
TbcLcL&r-yiacfyrLdätcn 
Niederschlesische Heimatwoche in Liegnib* ln 
der Kilianswoche, und zwar vom 8. bis 11. Juli, wird 
in Licgnitj ein niederschlesisches Bundessängerfest mit 
Heimatwoche und Zeltelüften der Innungen abgehalten 
werden, das unter der Losung »deutscher Sang — 
deutsches Land — deutsche Arbeit« stehen und an die 
altberühmten Liegnitjer Mannschießen, die seit 1912 
nicht mehr stattgefunden haben, erinnern wird. Mit 
der Veranstaltung, die viele Tausende von Fremden 
in die alte Piastenstadt ziehen wird, ist auch eine Aus 
stellung verbunden. 
Früherer Kurbeginn in Ems. Die Hauptkurzeit 
hat in diesem Jahre nicht wie bisher am t.Mai, sondern 
bereits am 16. April ihren Anfang genommen. Trob 
der erheblichen Mchrunkosten sind auf allen Gebieten 
Neuerungen und Neuanschaffungen getroffen worden, 
die in weitgehendstem Maße allen Ansprüchen der 
Kurgaste genügen. Die landschaftlichen Schönheiten, 
die Bad Ems vor fast allen deutschen Kurorten aus- 
zeichnen, zeigen sich ganz besonders in den ersten 
Frühlingswochcn. Immer wieder muß darauf hinge 
wiesen werden,'daß durch Entgegenkommen der Be- 
satjungsbehörde das Kurleben und die Bewegungs- 
f< eiheit der Kurgäste in keiner Weise in Erscheinung tritt. 
Bad Salzschlirf hat in diesem Jahre die Saison 
am 1. Mai eröffnet. Neben den kräftigen Heilquellen, 
die besonders gegen Gicht, Stein- und Stoffwechsel 
leiden erfolgreiche Anwendung finden, bietet der Bade 
ort durch seine schönen Parkanlagen und die an 
grenzenden Wälder den Besuchern angenehme Erholung. 
Außerdem ist für Unterhaltung reichlich gesorgt. 
Badenweiler. Eine größere Anzahl von Kurgästen 
ist bereits eingetroffen. Allerlei vorteilhafte Verände 
rungen sind hier inzwischen vorgenommen worden. 
Im Kurhaus sind die veralteten unteren Räume zu 
behaglichen Gastzimmern ausgestaltet. Da man in 
Badenweiler im nächsten Winter den Badebetrieb auf 
rechterhalten will, so wird das Kuthaus eine Zenttal- 
heizung crhalcu und der Kurhaussaal behaglicher ge- 
staltet weiden. 
Bad Elster. Der Sommerbetrieb wurde am 
IS. April eröffnet. Natur und Menschen sind am 
Werke, den Einzug und Aufenthalt der Kurgäste ge 
nußreich zu gestalten und den Erfolg einer Frühlings 
kur in Bad Elster zu erhöhen. Die Moor- und 
kohlensaure Stahlbäder sowie die Trinkkur der Stald- 
und Salzquelle bilden den Mittelpunkt der erfolgreichen 
Behänd ung. 
Hamburger Verkehrsbureau. Der Verein der 
Hotelbesiber und Restaurateure sowie die Hapag-Ver- 
kehrs-A.-G. in Hamburg richteten ein Verkehrsbureau 
ein, das den zahlreich Ankommenden Fremden auf 
dem schnellsten Wege eine Unterkunft besorgen will. 
Leiter dieses neuen Verkehrsbureaus, das einem drin 
genden Bedürfnis entspricht, ist Herr von Kessel.
        
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