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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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I ch bin Besitzer einer richtiggehenden Sechs 
zimmerwohnung; zwei Zimmer für mich, zwei 
für Daisy und zwei für uns zusammen. Was 
will ich tun, ich muß mich mit solcher Armut 
zufriedengeben, wenn auch mein Schreibtisch 
Silber- und Wäscheschrank zugleich, Daisys Bou 
doir Orawing-room und Speisesaal, und die Truhe 
im Vorsaal der Bonne und lohanns Schlaf 
gemach ist. 
Wir gaben uns zufrieden (außer Abu, dem 
Angorakater, der sein Lager im Papierkorb er 
hielt) bis neulich. . . ja, neulich! 
Ich arbeitete gerade an einem mondänen Essay 
für irgendweich religiöses Moralblatt, als es 
schellte. Johann kroch aus der Truhe (kleidete 
sich an) und öffnete: Ein Blauer!! 
Ich sah schon Siegel und Marken und ver 
suchte krampfhaft den Schreibtisch unsichtbar 
zu machen, als ich »Wohnungsrevisor« irgend 
woher blasen hörte. Die geschwollene Uniform 
mit der riesigen 
Mappe durch 
rannte wütend die 
Flucht unserer 
Zimmer, maß hü 
ben, drüben, un 
ten, oben, hinten 
vorn, knurrte und 
schnaubte und er 
klärte endlich, daß wir Zwangseinquartierung 
nehmen müßten. Ich formte meinen Rest an 
Energie zu Zornesausbrüchen und erreichte auch, 
daß die geschwollene Uniform uns verließ. 
Des anderen Tages hatte man uns Daisys 
Boudoir genommen. Ich schwor bei allen Film 
göttern, den Zwangsmieter zu vierteilen, ihn meine 
sämtlichen Manuskripte lesen zu lassen, und was 
des Grausamen mehr ist. Doch es geht den 
Menschen wie den Leuten, und als ich mit Fem- 
gedanken das requirierte Boudoir betrat, kam 
mir ein Mäuschen entgegen, wie ichs von Nelson 
und Lieban her gewohnt bin: blondes Wuschel- 
köpfchen, verliebte Äuglein und ein solches Man- 
delmündchen, daß ich schließlich zu Füßen des 
Divans die niedlichsten aller Füßchen anbetete. 
Da betrat durch der Hölle Fügung Daisy die 
Bühne und tobte eine derartig aktlange Szene, 
daß ich, himmelblau angelaufen, midi an meinen 
Sdireibtisch flüchtete. Nun folterten mich Tan 
talusqualen. Nidit nur, daß ich mit Abu im Papier 
korb schlafen mußte, nein, ich durfte auch zu- 
sdiauen, wie sidi Johann und die Bonne ihr Nest 
in der Truhe bauten, und wie (o wahnwi^ige 
Qual!) links von 
miraufdemDivan 
Daisy und rechts 
im Bettchen meine 
Zwangseinquar 
tierung in lieb 
lichen Kombina 
tionen schliefen. 
Das, lieber Le 
ser, halte du mal aus! Gestern kam der heilige 
Stabo und verlangte Lustbarkeitssteuer. Wenn es 
morgen regnet und große Seen sich ausbreiten, 
springe ich in die Fluten. Hcwns Joachim Cicero v. Zantro.
        
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