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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Don Uigo. ( Zeichnungen uon Qotter. 
D 
as »und ich« setze ich bloß hinzu, damit man 
überhaupt weiß, worum es sich handelt. Ich 
will damit um Gotteswillen nicht irgendwie an» 
gedeutet ha= 
ben, daß ich 
bei meinem 
Schneider 
irgend eine 
Rolle spiele. 
Um meine 
Meinung 
werde ich 
überhaupt 
nicht ge» 
fragt, und 
aktiv in Alt» 
tion trete ich 
nur zwei» 
mal, ein» 
mal bei der 
Anzahlung 
und einmal 
bei der Be= 
gleichung 
der Rest» 
forderung. 
<Wie schön 
bequem hatte man das doch in den Vorkriegsjahren. 
Man leistete gar keine Anzahlung, der Anzug wurde ge» 
„Das ist der Anzug, der Ihnen fehftl 
liefert, man blieb weiter schuldig/ nach einem Jahr kam 
die erste sanfte Mahnung, nach einem weiteren halben 
Jahre die zweite, nach zwei Jahren wurde man verklagt, 
sechs Wochen später war der Termin, man erschien nicht, 
in weiteren sechs Wochen kam der Gerichtsvollzieher und 
holte sich das Geld. Man brauchte sich um gar nichts zu 
kümmern, und die paar Mark Gerichtskosten spielten 
wirklich keine Rolle. 
Schöne, vergangene Tage. Euch eine Träne aus treu» 
blauen Augen.) 
Wenn ich zu meinem Schneider komme, empfängt er 
mich mit der Mitteilung, daß vor drei Monaten überhaupt 
nichts zu liefern sei, ich zunächst 3000 Mark zu hinter» 
legen habe, und daß er sich die Preise Vorbehalte. Meine 
Sprachlosigkeit deutet er als Zustimmung, winkt mit dem 
Finger wie Schillers Löwenbändiger und läßt Stoffe an» 
fahren. Ehe ich dazu komme, einen bescheidenen Wunsch 
zu äußern, dekretiert er: »Dies ist der Stoff, der für Sie 
gemacht ist, der Fabrikant kann nur an Sie gedacht haben, 
als er ihn herstellte/ den nehmen wir und keinen anderen. 
Zuschneider!« Der Zuschneider stürzt herbei und emp» 
fängt die Anweisungen, nicht etwa von mir, Gott behüte. 
»Dem Herrn arbeiten Sie einen tadellosen langen Sakko 
auf Taille mit einem Knopf, die Hosen knapp, unten 
Umschlagen, Weste ziemlich tief ausgeschnitten.« Ich bin 
„Bitte, Beachten Sie diese individuede Tailfenfinie!“
        
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