Path:

Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

20 
DER PELZ 
A4 
Von Stefan S z 6 K e 1 y. 
or Weihnachten redete die Frau zu ihrem 
Gatten viel von einem schönen Pelz. Morgens, 
mittags, ja selbst abends im Betr schwärmte sie 
ihm von dem Pelz vor und ließ dem Ärmsten 
keine Ruhe. 
Der Gatte schwieg düster. Er war der Frau 
gegenüber wehrlos und dachte ständig an seine 
monatlich zweitausend, die nie und nimmermehr 
zu einem Pelz ausreichen konnten. 
Doch der Gatte war ein idealer Mann, sdimel- 
zend wie Friedensbutter und schwach wie Kriegs 
paprika. 
»Mein Gott!« stöhnte er in innerem Kampfe, 
»zweitausend! — Lieber Gott, gib, daß ich mei= 
nem angebeteten Weibe den heißersehnten Pelz 
beschaffen kann!« 
So sprach er und begann zu arbeiten. Arbeitete 
morgens und mittags, nachmittags und abends, ja 
selbst der Nacht stahl er heimlich von ihren 
Stunden und sammelte die in Überstunden ver= 
dienten Groschen. 
Inzwischen vergingen Tage, ja, selbst Monate. 
Die Frau sprach schon 
nicht mehr von dem Pelz, 
denn die Weihnachten 
waren schon längst vor= 
über, es war Sommer 
geworden, und die sei= 
denen Blusen gingen ihr 
durch den Sinn. 
Doch den idealen Gat^ 
ten kümmerte nicht der 
Sommer, ja, später auch 
der Herbst nicht mehr,- 
er arbeitete ununterbro 
chen, Tag und Nacht. 
Dann, eines abends, als 
schon kein Fleisch mehr 
an seinen Knochen war und die Seele eben 
zum Nächtigen in ihn kam, zählte er sein er= 
spartes Geld. 
»Heureka!« rief er fröhlidi aus, soweit dies 
seine bescheidenen Kräfte noch zuließen, und 
morgens darauf machte er sich geheimnisvoll auf 
den Weg. 
Drei Tage und drei Nächte suchte er den 
blauen Vogel der Glückseligkeit, der in vorliegen= 
dem Falle der zu Anfang der Humoreske er= 
wähnte Pelz war — aber wozu der vielen Worte 
— am dritten Tag fand er ihn auch. 
Es war wieder Weihnachtsabend geworden, und 
selig vor Freude ging er heim, setzte sich zu Tisch, 
blickte seine Frau an — blickte sie fortwährend an, 
bis es an der Türe klopfte. Ein Diener trat ein, 
auf dem Arm — den Pelz. 
»Sieh, o teures Weib«, spradi der Gatte, »hier 
bringt man den Pelz, den du so oft von mir er= 
beten, und den ich damals nicht in der Lage war 
zu beschaffen. Aber ein Jahr ist seither vergangen, 
das ich in gewaltiger Arbeit verbracht, glücklich, 
denn ich arbeitete für 
dich!« 
Damit überreichte er 
dem Weibe den Pelz. 
»Na«, sprach darauf die 
Angebetete, »dafür war es 
schade, sich anzustrengen, 
mein Lieber. Dieser Pelz 
ist nichts wert, ein über= 
wundener Standpunkt, eine 
veralteteMode.Wasdenkst 
du dir überhaupt, alter 
Freund? Ich kann doch 
nicht in einem vorjährigen 
Lumpen herumlaufen?« 
(Deutsch v. Barßara TriedmannJ
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.