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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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würde, sollte einmal wenigstens nicht so »öde und trist« 
sein, wie er stets klagte. Sie wollte in seiner Abwesenheit 
alles mit Blumen schmücken/ von dieser Idee war Rosa 
ganz begeistert. Da sie aber, als wohlerzogene junge 
Dame, die Junggesellenwohnung nicht allein betreten durfte, 
mußte Papa Kommerzienrat sie Liegleiten. Gern hätte sie 
auch ihre Freundin Rita mitgenommen, aber Rita mit dem 
herrlichen, kastanienroten Haar war gerade zu einer 
Freundin gereist. — 
Rosa hatte den kleinen Salon wirklich hübsch mit den 
entzückendsten Frühlingsblumen geschmückt, während der 
Kommerzienrat, der für »solche Kindereien« keinen Sinn 
hatte, den letzten Börsenbericht stu- 
dierte, wobei er behaglich eine dicke Zi= 
garre schmauchte. Rosa ließ ihre Blicke 
prüfend durch den Salon gleiten und 
lächelte befriedigt. Hier sah alles nett 
aus, aber nun — nebenan. — Daß zu 
einem Salon auch mindestens ein Schlaf 
zimmer gehörte, das wußte sie, trotz der 
Pensionatserziehung. Jene Tür dort — 
Sie warf einen fragenden Blick auf den 
Papa Kommerzienrat. Doch der rauchte 
unbekümmert seine Zigarre. Es war ja 
auch Torheit . . . wo nun bald . . . Ein 
wenig zögernd öffnete sie die Tür und 
blickte scheu in das Zimmer. — 
Ja, dort mußten auch Blumen stehen, 
dann sah alles netter aus und Eduard 
wurde, wenn er morgen erwachte, sogleich an sie er 
innert. — 
Beide Arme voll loser, duftender Blüten trat sie ins 
Zimmer. 
Rosa trippelte emsig hin und her. Ein pa*..' Vasen 
hatte sie schon mit Blumen gefüllt und geordnet, nun 
betrachtete sie wohlgefällig ihr Werk. — Dort aber, auf 
dem Nachttischchen, dicht am Bett, sollten auch Blumen 
stehen und zwar die schönsten von allen. Entschlossen 
holte sie eine Vase von einem Schrändcchen und stellte 
sie auf. Dabei glitt ihr Blick scheu über die weißen 
Kissen und blieb plötzlich wie gebannt dort haften. Der 
Ausdruck ihres Gesichts veränderte sich. Sie trat 
näher . . . noch näher . . . und beugte sich interessiert 
über die Kissen. Ihre Finger tasteten in die Spitzen 
volants und zogen behutsam etwas hervor. 
Sie trat zum Fenster und betrachtete das Etwas lange 
und sinnend. — Es war ein langes, seidenweiches, glän 
zendes Haar von kastanienroter Farbe. 
Fieberhaft durchkreuzten die Gedanken ihr Gehirn, 
und tausend kastanienrote Haare vollführten vor ihren 
Augen einen wilden Reigen. Gewaltsam mußte sie sich 
zusammennehmen, um die nötige Ruhe zu bewahren. 
Ihre Gedanken suchten und fanden den riditigen Weg. 
Sollte diese Geschäftsreise nicht auch nur ein Vorwand 
sein, um — — — ? Und Rita war auch verreist. — — — 
Sie wußte, was sie sich und ihrem Namen schuldig war, 
danach wollte sie handeln. 
Langsam widcelte sie das Haar um den Finger, wäh 
rend der sinnende Ausdruck ihres Gesichts sich ver 
tiefte. — 
Dann lief sie hinüber in den Salon, wo der Kom 
merzienrat noch immer den Kursbericht las, und forderte 
eilig zum Nachhausegehen auf. — 
Eduard wurde durch den Briefträger 
aus seinem Morgenschlummer gestört, 
den er nach der anstrengenden Reise so 
nötig hatte. Das schmale Kuvert ent 
hielt Rosas Visitenkarte. Auf der 
Rückseite standen nur wenige Worte, 
mit denen sie die Verlobung auflöste/ 
auf der Vorderseite aber war ein 
weiches, seidiges, kastanienrotes Haar 
zu einer Spirale gerollt und sorgfältig 
aufgeklebt . . . 
»Um ein Haar!« murmelte Eduard 
zerknirscht, tröstete sich dann aber mit 
dem Bewußtsein der Gewißheit, nun 
wieder ganz den Forderungen seines 
ästhetischen Empfindens leben zu können.
        
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