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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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lack knirschte mit den Zähnen. Sie warfen ihn vor die Tür, 
wie ihn der Amerikaner aus dem Zug geworfen hatte. Er grinste 
vor Zorn. Schläge hier und dort. 
Er stopfte dem Kutscher, der Zeuge seiner Demütigungen ge 
worden war, Geld in die Hand, nahm seinen Koffer und ging da 
von. Der Portier sah stumm und kopfschüttelnd hinter ihm her. 
Jack bog in eine Nebengasse, 
irrte durch ein Gewinde von 
Straßen. Der Wind zerrte an 
ihm und warf ihm von allen 
Seiten den Regen ins Gesicht. 
Die Tropfen rollten an seinen 
schwarzen Backen hinab und über 
schwemmten sein Kinn. 
Jack stampfte in dumpfem Haß 
dahin. Sein Schatten kreiste um 
seine Füße. Das Licht der La 
ternen wuchs und verblaßte im 
Wind. Kleine Fenster, hinter 
denen Flaschen und verstaubte 
gemeine Speisen standen, glänz 
ten auf und sanken zurück. Weit 
hinten glitt eine Straßenbahn mit 
flachem Klingeln vorüber. 
An einer Ecke nahm ein 
Windstoß Jacks Hut. Er schlug 
eine Figur in der Luft, taumelte 
auf das Pflaster und rollte zwischen 
den Pfiitjen davon. Ein paar 
halbwüchsige Burschen johlten: 
»Hooh!« 
Jack rannte mit dem schweren 
Koffer hinter seinem Hute her. 
Tränen brachen ihm in die Au 
gen. Seine Mundwinkel hingen 
bebend abwärts. Er stöhnte tief in der Kehle: »Oa, oa, oa . . . « 
Er zitterte vor Einsamkeit, Haß, Demut. 
»Ich bin ein schlechter, schwarzer Mann!« 
Der Hut kreiselte grau und boshaft vor ihm her, immer 
schneller. Dann warf er sich mit der Innenseite breit in eine 
Pfütje. Das Wasser troff von der Krempe, als Jade ihn aufhob. 
Er stolperte mit bloßem Kopfe weiter, um eine Ecke, wo ihn 
die Burschen nicht mehr sahen, wieder um eine Ecke, an dunklen 
und glühenden Fenstern vorbei, über holpriges Pflaster. Geklapper 
von hastigen Sohlen zuckte und verlosch im Wind. Im Regen 
glanz versdtwammen husdtende Sdiatten. 
Jade irrte fast zwei Stunden lang umher. Dann fand er das 
Hotel Luna. Ein Glasvorbau sprang in die Straße vor, auf dem 
mit transparenten Buchstaben stand: 
Hotel — Cafe — Weinstuben. 
Jack wisdite sich Regentropfen 
und Tränen vom Gesicht und starrte 
die Insdirift an. Einen Augenblick 
lang zögerte er, unangenehm be 
klommen. Dann stieß er die Tür 
auf. Der Korridor war leer. Klavier 
gehämmer und Geigenstriche klopften 
und stachen von innen dumpf gegen 
die Wand. 
Nadt einer Weile flog die Tür 
auf. Die Musik schoß aufwirbelnd 
heraus. Ein Kellner, der einen ver 
gangenen Frack mit sehr weit aus- 
geschnittener Weste trug, trat auf 
lack zu. Er musterte den Gast kritisch und dienstfertig zugleich. 
»Der Herr wünschen?« 
»Kann idi hier ein Zimmer bekommen?« fragte Jack drohend. 
»Gewiß! Wenn der Herr mir folgen wollen?« 
Er ging eine Treppe hinauf. Jack stieg mit dem Koffer hinter 
her. Unten wurde die Tür noch einmal geöffnet. Die Musik 
schwieg. Man hörte je^t eine Stimme laut rezitieren. 
Das Zimmer lag im ersten Stock. Es hatte ein sehr breites Bett 
und eine elektrische Lampe mit rosa Birnen. 
Der Kellner wischte mit der Serviette über den Tisch. 
»Das wäre das einzig freie Zimmer!« 
»Well«, sagte Jack. »Ich bleibe 
hier. Wollen sie mir etwas zu 
essen bringen?« 
»Wenn der Herr sich hinunter 
bemühen wollen? Es ist auch Ka 
barett und Tanz unten. Der Herr 
werden sich sicher nicht lang 
weilen !« 
»Gut, ich werde kommen«, 
entließ Jack ihn herablassend. 
Er zog den Mantel ab. Das 
Sofa war durchgerieben. Es roch 
im Zimmer nach Staub und Parfüm. 
Jack kramte ein Reisenecessaire 
aus dem Koffer und trat vor den 
Spiegel. 
Sorgfältig zog er sich den 
Scheitel. Von dem rosa Licht 
wölbte sich ein sanfter Schein 
um sein Haar und sein Gesicht. 
Der Ofen strömte Wärme zu 
ihm her. 
Ein Gefühl von Geborgenheit 
wallte ihm durch die Brust, in 
dem die Verlassenheit in Stößen 
nachzitterte. Er wusch sich die 
Hände und parfümierte sich. Der 
große Spiegel gab ihm seine 
kräftige, gutgebaute Gestalt wie- 
Ein halbes wohlgefälliges Lächeln wachte um seinen Mund auf. 
Devil! Wozu all die Aufregungen? Die Beine auf den Schie 
nen waren es, weiter nichts! 
Er trat zum Fenster und sah zum Himmel auf, der im Wind 
flackerte. Seine Muskeln schwollen in Kraft. Er knirschte in 
brünstig mit den Zähnen. 
Als er hinunterkam, führte ihn der Kellner devot in ein 
Separee mit aufgezogenen grünen Wollvorhängen. Die Paare in 
der Mitte des kleinen Saales zögerten im Tanze und sahen nach 
Jack. Die Bardame lehnte sich weit über ihr Büffet vor und nickte 
ihm lächelnd zu. 
Er bestellte viel und das Teuerste. Mit dem F' n g er tappte er 
die Speisekarte ab: »Das und das!« 
Man hörte mit gespifeten Ohren 
nach ihm hin und schnalzte mit der 
Zunge. 
Der Kellner flog. 
Die Musik stieg feurig an. Jack 
sah weiße Nacken auf- und nieder 
schaukeln, blonden Flaum unter ge 
hobenen Achseln. 
Der Saal hatte unmoderne eiserne 
Säulen mit modernen, bunten Seiden 
lampen dazwischen, und eine grelle 
und wilde Bemalung an den Wänden. 
Jack sah sich zufrieden um. Das 
gefiel ihm. 
Ein junger Mann mit kurzem Jak 
kett und breiten Hüften trat an seinen 
Tisch. »Schiltcr!« stellte er sich vor. 
»Irre ich, oder sehe ich den Weltmeister im Ringkampf, Jack 
the Lion, aus der internationalen Extraklasse vor mir?« 
»O, Sie kennen mich?« fragte Jack beglückt und eitel und erfreut 
darüber, einen Menschen gefunden zu haben, der ihn kannte. 
§m de (ootoQm cMamasss^
        
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