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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Von Cfllarya Fasson. 
| ack the Lion saß im D-Zug. Unter ihm stürzten unablässig die 
I Räder scharf und hart über die Schienen. Die Abendröte versank 
1 im Horizont, Wenn man die Augen schloß, hörte man, daß der 
r ganze Zug mit unzählig vielen Stimmen schrie. 
Der Schaffner kam und zündete Licht an. Das Abteil glühte 
rot. Jack the Lion setjte sich in Positur. Er war nach der lebten 
Mode gekleidet, funkelnagelneu vom Kragen bis zu den Schuhen, 
mit hellen Wildlederhandschuhen an den Händen. 
Die Personen, die mit Jack im Abteil saßen, zwei einzelne 
Herren und ein Ehepaar, sahen ihn an. Er griff nach dem Buch, 
das er beim Dunkelwerden neben sich auf den Sitj gelegt hatte. 
Ohne die Handschuhe auszuziehen, blätterte er. 
Die dünnen Seiten des Buches verfingen sidi hartnäckig, kleb 
ten aneinander fest. Jack fingerte ungeschickt daran herum. 
Warum sah ihn sein Gegenüber so an, mit harten farblosen Augen? 
Verdammter Kerl! Der madite sich lustig über ihn. 
Die Gedanken stolperten in Jacks Kopf übereinander, seine 
dicken Lippen öffneten sich, daß die weißen Zähne dazwischen 
glänzten. Die wildledernen Finger tappten ratlos zwisdien die Seiten 
des Buches und zerrissen das dünne Papier. 
Sollte er die Handsdiuhe ausziehen? Einfach ausziehen? 
O nein! Daß man die weißlidten Innenflädien an seinen schwar 
zen Händen sah und die blauen Monde an den Fingernägeln. 
Auch seine beiden Kinder hatten diese blauen Monde, obgleich 
sie sonst weiß waren, so weiß wie nur irgend ein Amerikaner. 
Jack riß das Budi auf, es war ihm gleich wo, und stierte hinein. 
Er wußte nicht, ob ihn der Mann gegenüber noch ansah. Aber 
er lächelte und sprach 
mit den Lippen leise 
nach, was er las, damit 
alle sahen, er hatte nun 
seine Stelle gefunden! 
Draußen schwelte die 
Dunkelheit aus den 
Äckern wie Raudi. Wol 
ken bedeckten den No 
vemberhimmel. Es fing 
an, schweifend und kalt 
zu regnen. Die Trop 
fen rannten, toll und 
stockend, über die Schei 
ben und spannten ein 
schräges, gli^erndes 
Gitter vor das Fenster. 
Das Ehepaar, das 
neben Jack saß, flüsterte. 
Er hörte deutlich das 
Wort »Neger«! Er hatte 
Lust, sie mit bläkenden 
Zähnen anzulachen und 
ein paar Mal hinterein 
ander laut zu sagen: 
»Yes, 1 am a nigger!« 
Sie sollten nur versuchten, ihn hinauszuwerfen! Er hatte bezahlt, 
und mehr Geld besaß er als sie alle in diesem armen Land. Das 
war jet$t etwas anderes wie damals, als er noch in dürftigen 
Kleidern ging und der baumlange Amerikaner ihn am Kragen 
gepackt und aus dem Abteil liinausgeworfen hatte, während der 
zlug schon fuhr. O, diese Schmerzen damals! 
Ein Windstoß klatschte gegen die Scheiben. Durdt das Abteil 
strich kühle Luft und blähte das Kleid der Dame, die neben 
Jack saß. 
Sie fröstelte und hob die Augenbrauen. 
»Mein Gott! Audi uodi undidite Fenster! Wir sind wirklich 
heruntergekommen in Deutschland!« 
Jacks Gegenüber, ein Herr mit der Haltung und den Gesten 
eines Offiziers, sagte kurz und hart: »Ja, man muß sich je$t viel 
bieten lassen!« 
»Er meint mich!« fuhr es in Jacks Kopf. Seine Gedanken fingen 
wieder an zu stolpern. Lachen müßte er und dem Mann sagen: 
»Yes, 1 am a nigger!« und wenn der ihn hinauswerfen wollte - 
o, er sollte es nur versudien! Jack konnte die Matches nidit mehr 
zählen, die er gewonnen hatte, seit er auf der Matte rang. 
Er starrte in das Budi. Da überfiel es ihn heiß, daß es nun 
Zeit sei, die Seite zu wenden. Man konnte keine halbe Stunde 
an einer Seite lesen. Wendete er aber, dann ginge es wieder 
wie vorhin, mit den Handschuhen bekam er die Blätter nicht 
auseinander. Alle würden über den ungeschickten Neger lachen. 
Wenn er aber nicht umdrehte, dann dachten die alle, daß er 
nidit lesen könnte, sich nur so den Anschein gäbe. O, er konnte 
besser lesen als sie alle, deutsch und englisch und spanisch und 
auch ein wenig französisch. 
Der Wagen ratterte. Die Sdiatten an den Wänden drehten 
sich leise hin und her. Jacks Kopf war unerträglidi heiß. 
Er sdilug das Budi zu, erhob den schweren Körper und ging 
durch das Abteil in den Gang hinaus. Er atmete auf, als die 
Schiebetür hinter ihm 
ins Sdiloß sdinappte. 
Matte Lampen kleb 
ten an der Decke des 
Wagens. Es war kühl 
und trübe im Gang, 
ladt tappte ein paar 
Schritte weiter. Durch 
die Spalten der Vor 
hänge sah er, daß die 
Reisenden in den Nadi- 
barabteilen bei zuge 
zogenen Lampen schlie 
fen. Das Gesidit einer 
alten Frau lag weiß und 
spife auf dem Polster. 
Jack lehnte sidi an 
die Wand. Der Wagen 
schlitterte unter seinen 
Füßen und hinter sei 
nem Rücken. Hier drau 
ßen hörte man viel 
lauter den Lärm der 
Räder, Schrauben, Ma 
schinen und kreisdien- 
den Fugen. Sie über- 
sdirien sich gegenseitig wie eine Schar Rebellen. 
Ein blasses, junges Mädchen sdiwankte, von einer Dame gestützt, 
durch den Gang. Man sah, daß sie krank war. Das Haar hing 
ihr in matten Strähnen ums Gesidit. Sie erschrak sehr vor Jack. 
Er lächelte ihr naiv-lieruhigend zu, aber sie wandte den Kopf von 
seinen weißen Zähnen weg.
        
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