Path:

Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

18 
U m ein Haar!« pflegte Eduard jedesmal triumphier 
rend zu rufen, wenn es ihm gelungen war, bei einem 
seiner tollen Streidie wieder einmal glücklich aus aller Ger 
fahr zu entrinnen. »Um ein Haar!« hatte er auch gerufen, 
als er damals der drohenden Verlobung mit der niedlichen 
filia hospitalis glücklich entgangen war, nach dem ihn seine 
»möblierte Wirtin« überrascht hatte, als er ihr Elschen im 
Dämmer eines Riesenkaters herzhaft abküßte. Das hätte 
ihm noch fehlen können bei seinen Ansprüchen! Ein 
armes Mädchen! — Reich 
mußte seine Zukünftige sein, 
wenn sie auch schließlidi »um 
ein Haar« häßlicher war, als 
sein ästhetisches Empfinden 
verlangte. Und hier waren 
Eduards Forderungen nicht 
gering/ außer schlanker, voller 
Figur und hübschem Gesicht, 
außer Geist und Geschmack 
begehrte er vor allem schönes, 
volles, welliges Haar von je» 
ner kastanienroten Farbe, die 
so selten ist. Für den Ge» 
nuß, solches Haar kosend 
durch die Finger gleiten zu 
lassen und seinen berauschen» 
den Duft einzusaugen, war 
Eduard zu allen Torheiten 
fähig. 
Und nun hatte das Schick» 
sal in seiner Launenhaftigkeit 
es wieder einmal ganz anders 
gefügt. Rosa, die Tochter des 
Kommerzienrats, war klein und dürftig,- von Geist konnte 
selbst der Anspruchloseste nicht eine Spur bei ihr finden, 
geschmackvoll war sie mit ihrer Vorliebe für grüne Seiden» 
bänder auch nicht zu nennen, und ihr Haar war schwarz, 
hart, stumpf und dünn. Aber 500 Mille Mitgift. — — 
Eduard wehrte sich standhaft, als hätte sein ästhetisches 
Empfinden ihn »um ein Haar« zur größten Torheit seines 
Lebens veranlaßt und — griff zu. Er tröstete sich damit, 
daß man ästhetischen Forderungen ja auch auf anderer 
Basis genügen könnte. — Die Gelegenheit hierzu fand 
sich schneller, als Eduard gehofft hatte. Rosa hatte eine 
Freundin, noch aus der Pensionszeit her, aus bester Fa» 
milie, aber arm. Dafür je» 
doch hatte Mutter Natur 
Rita Ressel in so reicher Fülle 
mit weiblichen Reizen aus» 
gestattet, daß auch ein weni 
ger intensiv empfindender 
Ästhetiker wie Eduard in 
helle Begeisterung versetzt 
worden wäre. Und ,r or allem 
hatte sie das so seltene ka» 
stanienrote Haar in auffal 
lendster Vollendung. Eduard 
war glücklich und sah die 
Realisierung seiner Träume 
für die Zukunft gesichert, 
wenn auch »um ein Haar« 
anders, als er früher gehofft 
hatte . . . 
Es war nur noch wenige 
Tage vor der Hochzeit. Edu 
ard war auf einen Tag ver 
reist/ der Regelung einer ge 
schäftlichen Angelegenheit 
wegen, wie er sagte. Rosa, 
die entschieden ein poetisches Gemüt besaß, wollte ihrem 
Zukünftigen eine sinnige Überraschung bereiten. — 
Seine Junggesellenwohnung, die er ja nun bald verlassen
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.