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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Während des Weltkrieges dominierte derart das 
militärische Moment, daß es sich sogar in der Mode 
in Gestalt des Gürtelsakkos und -Mantels bemerkbar 
machte. Die Zivilanzüge paßten sich in Farbe und 
Schnitt der Uniform an, und zwar nicht nur bei uns, 
sondern auch in den diversen feindlichen Ländern. 
Nach den Entbehrungen der langen Kriegszeit ist 
selbst dem Sieger alles Militärische verhaßt, also 
verschwand die Gürtelmode wieder. Sie machte 
weiten, bequem geschnittenen Anzügen Plat?, die die 
individuelle Note des Trägers betont. Eben diese 
Note ist es, die unserer Herrenmode ihre besondere 
Eigenart verleiht. 
Heute steht Berlin, ähnlich wie Wien, im Zeichen 
der Geldentwertung und wird infolgedessen von Aus 
ländern überschwemmt. Wenn man sich vom Strome 
der flanierenden Menge auf den Straßen des Berliner 
Westens treiben läßt, kommt man erstaunlicherweise 
zu dem Ergebnis, daß Berlin noch nie so elegant 
gewesen ist. Mannigfache Anregungen erhielt unsere 
Modeindustrie von den ausländischen Gästen und 
schuf daraus im Verein mit eigenen geschmackvollen 
Ideen eineHerrenkleidung von einfachster,nichtsdesto 
weniger aber klassischer Eleganz. In der Stoffart 
werden gemusterte und einfarbige Gabardine, Che 
viots in Grätenmustern oder grauen Tönen bevorzugt. 
Auch dunkelblaue oder modefarbene Meltonstoffe 
mit zarten andersfarbigen Streifenmustern sind be 
liebt. Die Jacken sind ziemlich lang gearbeitet und 
liegen eng um Lenden und Gesäß. Die Beinkleider 
sind in der oberen Schenkelpartie füllig gehalten, 
verengen sich am Knie und enden ziemlich schmal 
mit einem Umschlag über dem Knöchel. Um den 
guten Sil? der Hose zu gewährleisten, werden vielfach 
unterhalb des Bundes ein oder zwei acht Zentimeter 
lange Falten eingelegt. 
Als Übergangsmantel findet man sehr häufig einen 
Taillenpaletot aus grauem Shetlandstoff oder auch 
gemustertem Gabardine. Praktisch und zugleich ele 
gant ist ein mäßig langer, zweireihiger Ulster mit 
ziemlich breit gehaltenem Revers und Rollaufschlägen 
an den Ärmeln. Diesen Mantel kann man auf zwei 
Arten tragen: Entweder als weiten, glockigen 
Schlüpfmanfel oder auch ein wenig anliegend, 
indem man einen Rückenriegel aufknöpft, der die 
Weite des Mantels aufhält und zugleich die Taille 
markiert. 
Die Sporfanzüge zeigen insofern eine Veränderung, 
als die Knickerbockerhose wieder aufkommt und die 
sonst so beliebten Breeches sich auf den Reifanzug 
beschränken müssen. 
Zum Schluß noch ein paar Worte über den Abend 
dreß, der ja selbst in den heißesten Sommermonaten 
in den mondänen Badeorten seine Rolle spielt. Man 
muß jedoch auch hier Unterschiede machen. Für die 
Reunions in Heringsdorf und Swinemüde genügt im 
allgemeinen der Smoking; große internationale Bäder 
wie Westerland, Abazzia oder gar die Riviera ver 
langen für die großen abendlichen Veranstaltungen 
Efeganter Tracfianzug aus Mefton. 
Modell: Taßßessel <£> Müntmann. 
den Frackanzug. Es wäre grotesk, an der See zum 
Frack den Operahut zu tragen. An seine Stelle tritt 
der englische Strohhut mit schwarzem Band. 
^eAcfrnunQzn uon TiegeCsky.
        
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