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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

Smoking zu einer Sakko» 
Variation herabwürdigten. 
Ziemlich spät erst wurde 
es Sitte, zum Smoking 
steife Hemdbrust und Steh» 
kragen mit umgebogenen 
Ecken anzulegen. Das 
erste wirklich geschmadc» 
volle Smokingmodell wur» 
de 1913 getragen: Ziem» 
lieh kurz gehalten, mit ab» 
gerundeten Ecken, breiten, 
seidenen Reversen und auf 
einen Knopf geschlossen, 
wurde der Smoking im 
Verein 
mir dem 
söge» 
nannten 
»Platt» 
brett«» 
Hemd 
und dem 
Stehkra» 
igi4. 
gen 
den 
mit 
um» 
geboge» 
nen Ecken zum korrekten Abendanzug, 
der allmählich auch im Ballsaal auf» 
tauchte, in dem bisher nur der Fradc» 
anzug dominierte. Und dann kam der 
Krieg, der alle gesellschaftlichen Regungen 
unterdrückte. Der Urlauber, der die 
kärglich bemessene Atempause möglichst 
ausgiebig genießen wollte, zog für seine 
heimlichen Bummelfahrten den unauf» 
fälligen, bequemen Smoking an. Und 
die Heimkrieger hatten ebenfalls das 
größte Interesse daran, nicht unangenehm 
aufzufallen. Das dürfte in allen Ländern 
die gleiche Ursache gewesen sein, aus 
der heraus man sich so an den Smoking 
gewöhnte, daß man schließlich nicht mehr 
ohne ihn auskam. Und er hatte sich 
auch mit der Zeit ganz gehörig gemausert. Die ge» 
schmackvoll ausgearbeiteten Abendanzüge hatten mit den 
plumpen Smokinganzügen von dunnemals keine Ähnlich» 
keit mehr. Eine Kinderkrankheit hatte der Smoking noch 
durchzumachen — die Gürtelseuche. In Anlehnung an 
die Uniform bekam jedes mögliche und unmögliche 
Kleidungsstück einen Gurt oder Riegel, so auch der 
Smoking. Diese übrigens aus der Schweiz kommende 
Imponderabilität war aber bald überwunden. Dann kam 
die erste Friedenssaison und mit ihr die Tanzhausse. 
Der Foxtrott hielt seinen Einzug, und jeder elgante 
Tänzer vermied es, sich mit fliegenden Frackschößen zu 
zeigen. Damit trat der Smoking an Stelle- des Fracks, 
der sich hiermit lediglich auf offizielle tänzlose Veran» 
1922. 
Mocfeff: K/infiowsßi <£) Lenz. 
staltungen, wie Diners, Abendhochzeiten und offizielle 
Empfänge beschränkt sah. Der aus Amerika importierte 
»Shimmy« brachte eine Abart des Smokings — die Tanz» 
jacke mit. Die Tanzjadce ist ein Kleidungsstüdc, das 
aus rein praktischen Beweggründen erschaffen zu sein 
scheint. Die kimonoartig geschnittenen Ärmel wirken 
zunächst grotesk, denn sie geben einem für den Abend 
geschaffenen Kleid sportlichen Charakter. Aber dabei 
ist zu bedenken, daß ja der Shimmy wirklich große Be» 
weglichkeit, fast möchte ich sagen, turnerische Gewandheit 
erfordert. Der Raglanschnitt garantiert bei den schnellen 
Bewegungen stets faltenlosen Sitz und ist infolge seiner 
Stoffülle auch günstig für die unvermeidliche Transpiration 
des Körpers. Die Tanzjacke hat einen mäßigen Westen» 
ausschnitt und wird auf einen Knopf geschlossen getragen. 
Die Taille ist stärker betont wie beim 
Smoking. Es ist wohl unnötig zu sagen, 
daß zum Smoking immer noch schwarze 
Sdileife auf jeden Fall und schwarze 
Weste in den meisten Fällen üblich ist. 
Zum Tanzsmoking und zur Tanzjadce 
hat man, ebenfalls aus hygienischen 
Gründen, die besonders im Sommer 
verständlich sind, versuchsweise die weiße 
Weste eingeführt. Der Tanzpumps 
wird in neuester Zeit zwar ein wenig 
durch den Ladchalbschuh verdrängt, ist 
aber immer noch korrekt. Da die jüng» 
sten Smokingformen eine höher ge 
schlossene Front 
zeigen, hat die 
selbstverständlich 
steife Hemdbrust 
nur ein Knopfloch, 
das durch eine 
graue Perle oder 
einen kleinen, pla» 
tingefaßten Mond 
steinknopf ge» 
schlossen ist. 
In jüngster Zeit 
versucht man in 
London die mo» 
derne taillierte 
Form des Smokings mit der ur» 
sprünglichen Machart zu kombi» 
nieren, d. h., man will die breiten 
Seidenbahnen an der Vorderfront 
wieder einführen. 
Ab und zu sieht man Typen, die 
mit Stehumlegekragen zu gefältel» 
ten Hemden und womöglich auch 
weißer Krawatte komische Figuren 
im Ballsaal abgeben. Aber wie 
sagt doch Bierbaum: »Es muß 
auch Outsider der Eleganz geben, 
damit die Favoriten um so brillanter ^ . , 
zur Geltung kommen.« © z,*z
        
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