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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

Der UJink des Scfyicfesats 
Don Qcl nn s £ o o s e r. 
f Xeter Patras war abergläubisch und auf der Suche 
,^/nach einer Freundin. Diese beiden Tatsachen in 
einen Satz zu bringen, erscheint vielleicht absurd, denn 
schließlich kann man abergläubisch sein und doch eine 
Freundin haben oder umgekehrt. Aber bei Peter Pa 
tras muß man sich schon ein wenig mehr in sein Seelen 
leben vertiefen, um das zu verstehen. Sein Aberglaube 
stand in innigstem Zusammenhang mit der Frau. Elly, 
seine letzte Freundin, die für ihn der Inbegriff aller Tu 
genden war, bekam eines Tages den Einfall, ihm seinen, 
selbst in Dollar-Valuta kost 
baren Brillantring vom Finger 
zu ziehen. Scherzend sagte er 
damals: 
„Das macht man nicht, du 
ziehst damit das Glück ab!“ 
Am Abend dachte er nicht 
mehr an den Ring; aber als 
Elly am nächsten Tag nicht 
wiederkam und auch fürder 
hin nicht zu erreichen war und 
spurlos verschwunden blieb, da 
verstärkte sich sein Aberglaube 
so, daß er sich bei jeder Frau 
sagte: Sie ist ja entzückend 
und reizvoll und schön, ja, 
aber...!!! 
So schlenderte er,der eigent 
lich gar nicht so schüchtern 
war, freudlos und freundinlos 
durchs Leben. Und das be 
drückte ihn sehr. Hin und 
wieder machte er einen An 
lauf, seine seelischeEinsamkeit 
zu sprengen, aber immer wie 
der zuckte er im letzten Moment zurück. Der Aberglaube. 
Eines Tages mußte er die Untergrundbahn benutzen, 
löst sich der Einfach heit halber gleich zwei Karten, geht zur 
Sperre und reicht dem Mann im Häuschen die Karten 
hin, denn im Zeichen der Papiernot gab es zwei kleine, an 
einanderhängende Karten. Mit unübertrefflicher Ruhe 
knipste der Beamte beide Karten, und erst zu spät macht 
Peter ihn aufmerksam, daß er ja nur ein Billet braucht. 
„Ich dachte, Sie gehörten zusammen!“ war die Antwort. 
Blitzschnell dreht sich Peter um, sieht ein entzückendes 
Mädchengesicht mit frischrotem Mund, der ihm herzlich 
entgegenlacht. Da sagt er: Noch nicht! mit besonderer 
Betonung des Wörtchens noch. 
Da war der Anfang zu einer Unterhaltung gegeben und 
sie fuhren gemeinsam in die Stadt. Peter war glücklich, 
denn er glaubte in dem Zufall einen Wink des Schicksals 
zu sehen. So fielen alle Hemmungen von ihm ab, und da 
er ein hübscher und passabler Kerl war, wurde es ihm nicht 
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schwer, die junge Dame zum Wiedersehen zu veranlassen. 
Am nächsten Tag zum Tee, tags drauf Theater, später 
zu einem Ball, kurz und gut, sie durchfuhren alle bekann 
ten Etappen, um schließlich ein festesVerhältnis — Freund 
schaftsverhältnis — zu stabilisieren. 
Und der Bahnbeamte war sehr erstaunt, als Peter ihm 
eines Tages 20 M in die Hand drückte: „Für den Wink!“ 
So lebten die beiden eine Zeit lang sehr glücklich . . . 
Peter war ein wenig eifersüchtig und machte ihr Vor 
würfe, daß Elly sich so angeregt mit einem fremden Herrn 
unterhielt, als er sie vom Nach 
mittagstee abholte. Aber ihre 
Erklärung, daß sie mit dem 
Herrn ganz zufällig an einem 
Tisch Platz genommen hätte, 
gab ihm seine gute Laune wie 
der. Nur, daß sie hinzufügte: 
„Im übrigen ists ein netter 
Mensch!“ das verletzte ihn 
doch. Aber sonst hatte er sich 
über seine Freundin nicht zu 
beklagen. 
Immerhin fand er es seltsam, 
daß er, eines Tages durch die 
Leipziger Straße schlendernd, 
auf der Plattform einer Elektri 
schen seine Freundin und jenen 
bewußten Herrn sah. Doch be 
ruhigte er sich bald mit demGe- 
danken,daß esZufall seinkönn 
te. Wie auch abends seine 
Freundin bestätigte. Sie woll 
ten,wieamTagevorher bespro 
chen, ins Theater gehen. Peter 
löst dort zwei Karten: „Loge!“ 
„Nur noch einVorder-und ein Hinterplatz!“ tönteszurück, 
„Bitte!“ 
An der Logentür will Peter ein Programm nehmen und 
gibt, als er das Geld herausnehmen will, Elly die beiden 
Billetts. Die geht voraus, Peter sieht den Rücken eines 
großen, breitschultrigen Mannes sich gleich dahinter in 
die Loge schieben, die Tür fällt zu .. . 
Peter Patras bittet den Theaterdiener, der die Tür be 
dient, sie zu öffnen, doch der meint: „Ihr Billett bitte?!“ 
„Hat die Dame!“ 
„Ja, der Herr ist doch drin!“ 
Verständnislos siehtPeterdenLogenschließeran, der sagt: 
„Die Herrschaften haben nur zwei Karten vorgezeigt!“ 
Da läßt er die Tür öffnen, ein Blick: der Herr vom Tee 
und derElektrischen! Peter läßtdieTür entgeistertzufallen. 
„Ein Wink des Schicksals!“ murmelt er und geht. 
Peter ist abergläubischer denn je. Er steht auf demStand- 
punkt, daß der Glaube an eine Frau immer Aberglaube sei. 
Phot.: O. Ger (ach. 
Das Duo Ja in cz iß 
rritt zurzeit in der Scafa auf.
        
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