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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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BORSENFIEBER 
Illusirierf von Holler. 
D ie älteren Herren Berlins, die in einer glück* 
lieberen Zeit jung waren, erinnern sich unver» 
löschlich eines Mannes, der weit über Berlin hin» 
aus als der Typus des klugen, gemütlichen, scharfsatirischen 
Börsianers galt: das war der alte Menkus, ein Jung» 
geselle reiferen Alters, der an der Börse viel Geld 
verdiente und durch seine kernigen aber nicht immer 
vornehmen Witze nicht 
nur sehr beliebt war, 
sondern sehr oft bedenk* 
liehe Stimmungen an der 
Börse, die viel Geld hätten 
kosten können, ins Gün- 
stige Umschlägen machte. 
Dieser Mann, der fast ein 
halbes Jahrhundert im 
Dienste des Ungeheuers 
in der Burgstraße zuge» 
bracht hat, also auch wirk» 
iich Anspruch darauf er» 
heben könnte es zu kennen, 
pflegte, wenn man ihn um 
eine Charakteristik der 
Börse im allgemeinen bat, 
das klassisch gewordene 
Wort gelassen auszu 
sprechen : »Die Börse ist 
wie 'ne Lawine. Mal rauf und mal runter.« Das Wort 
des alten Praktikers schien in diesem Sommer seine 
Gültigkeit verlieren zu wollen. Die Börse ging einfach 
aus Prinzip nur rauf. Je schlimmer unsere wirtschaft 
lichen Verhältnisse sich gestalteten, je wertloser unsere 
Mark wurde, um so höher kletterten die Kurse. Man 
konnte zu ganz phantastischen Preisen Aktien kaufen, 
auf deren Solidität man 
Häuser baute — und er 
fuhr gewöhnlich zur eige 
nen Überraschung, daß 
die Phantasie der Wirk 
lichkeit hier nicht nach 
konnte, denn auch die 
sozusagen bürgerlichsten 
Papiere erreichten einen 
Kurs, der eigentlich nur 
in Märchenbüchern steht. 
Was war die Folge? 
Ein Spekulationsfieber ver 
breitete sich, gegen das die 
Grippe im Jahre 1917 eine 
harmlose, kleine Lokal 
epidemie genannt werden 
kann. Alles, alles spe 
kulierte. Der Hausdiener 
vom Hausvogteiplatz und
        
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