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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Qroß&s und KJ&n&s c Che,afer 
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S ogar in unserer Zeit kann Idealismus, auch wenn er noch so rein ist, 
ein gutes Geschäft sein. Den Beweis hierfür liefert Barnowsky 
mit seinem »Faust«. Die Leute sitjen 4 Va Stunden lang vor einem 
Werke, in dem es nicht mal ein Ballett gibt, das jeder Perversität ent 
behrt, und in dem nicht der kleinste Börsenwi^ vorkommt. Es scheint 
also doch, als ob es im Schieber-Berlin noch eine erkleckliche Anzahl 
Menschen gibt, die aus reinen Quellen trinken wollen. Allerdings werden 
dreiviertel von ihnen nicht wegen Johann Wolfgang Goethe, sondern 
wegen Käthe Dorsch gekommen sein, und wahrhaftig, es lohnte sich. 
Zwar fehlt ihr jene Tiefe des Erlebens, jene ausbrechende, ungeheure 
Gewalt des Schmerzes, die heute noch jeden beim Erinnern erbeben 
läßt, dem die Gnade wurde, vor 16 Jahren Lucie Höflich in dieser Rolle 
zu sehen. Aber Käthe Dorschs reine Mädchenhaftigkeit, ihre Natürlich 
keit und fast kindliche Gemütsfülle, gestü^t von einer starken, technischen 
Geschultheit, erseht bis zu einem starken Grade das Erlebnis »Höflich«, 
das man eben alle 25 Jahre nur einmal haben kann. — Von den übrigen 
Hauptdarstellern, Loß als »Faust« und Jannings als »Mephisto«, kann man 
leider nicht sagen, daß sie irgend etwas zu geben vermochten, das 
dauernd im Herzen geblieben wäre. — Käthe Dorsch war alles. 
Efse 
Ediersßerg 
ll. 
10 
Käthe Dorsch afs Gretchen. 
Photos: Zander £) La Bisch. 
Wie überhaupt wieder einmal die Zeit der An 
betung von hellen, blonden Frauen gekommen zu 
sein scheint. Else Eckersberg ist die große Mode. 
So richtig auf ihre Kunst aufmerksam wurde ja der 
Berliner erst, als sie Baronin geworden war. — 
Aber das läßt sich nun einmal nicht ändern. — 
Ihre »Scampolo«-Leistung war wirklich etwas Herz 
erquickendes. Was ändere mühsam sich anquälen 
müssen, bescherte ihr die gütige Natur mit vollen 
Händen. Sprudelnde Heiterkeit, spendende Laune 
und, das Seltenste in Deutschland, ein wahres und 
echtes und doch gar nicht salonmäßiges Plauder 
talent. Daß ihr überhaupt viel zu wenig beachteter 
Partner, Otto Gebühr, neben ihr fast übersehen 
wurde, ist ein schweres Unrecht. 
111. 
Die Volksbühne begeht etwas, das man fast als 
eine Tat ansehen kann, die Neueinstudierung von 
Hauptmanns »Ratten«. Es war so ungefähr vor zehn 
bis fünfzehn Jahren alberne Mode geworden, jedes 
neue Werk von Gerhart Hauptmann schwächer zu 
finden als das vorige. Diese »Ratten« aber haben 
im ganzen Oeuvre des Dichters meinem Gefühl 
nach nur noch ein Gegenstück: den »Florian 
Geyer«. Eine düstere und gewaltige Sinfonie, so 
ungeheuer herb und bis ins kleinste psychologisch 
durchleuchtet, daß man gern fehlerhafte Äußerlich 
keiten, wie den unmöglichen, ganz unberlinischen 
Dialekt, übersieht. Die Jette lohn in ihrer Mutter 
sehnsucht ist eine Gestalt, wie es deren nicht viel 
in der Weltliteratur gibt, und nur in diesem einen 
Werke — eben außer dem übergewaltigen Florian —
        
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