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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Modelle der Conlinental-Caoutchouc und Guttapercha Ce, Hannover. 
chönster Frühlingssonnenschein war es, als Monsieur und 
Madame ihren Vormittagsspaziergang antraten. Sie natür« 
im neuen Frühjahrskostüm aus hellem Tuch, das erst 
gestern aus dem Schneideratelier in der Lennestraße kam und 
ein geradezu sündhaftes Geld kostete. Früher (man kann sich 
die Zeiten schon gar nicht mehr vorstellen) bekam man für 
denselben Preis schon eine kleine Villa im Grunewald. Aber 
man ist ja noch so jung verheiratet, und da darf man 
nicht sparen, wenn es 
gilt die blonde Schön« 
heit seiner kleinen Frau 
in angemessene Hüllen 
zu stecken. 
Um auch zu ihrer eleganten Silhouette zu passen, läßt 
er sich einen flotten Lenzanzug aus hellem Gabardine machen 
und setzt sich dazu den neuen hellgrauen Filzhut auf. Na, wie 
gesagt, an diesem strahlenden Frühlingsmorgen führen die 
Beiden ein kleines Vermögen im Tiergarten spazieren. Plötz« 
lieh fegt ein Wirbelwind durch die knospenden Büsche, daß 
einem der Sand von der Reitallee in die Augen fliegt, und 
ebenso plötzlich prasselt ein Regenschauer hernieder, als ob die 
Sintflut ein Gastspiel 
gäbe. Herrgott, heute ist 
ja der 1. April, daß sie 
auch daran nicht dachten. 
Und weit und breit kein 
Unterschlupf. Madame 
spannt zwar ihr Schirm« 
chen auf, das aber bald 
von einer heftigen Bö 
umgeknickt ist. Monsieur 
hat nur einen wasser- 
dichten Spazierstock. Die 
Hüte sind auf jeden Fall 
hin,- hoffentlich ist das 
Kostüm durch eine Rei« 
nigung bei Spindler zu 
retten. Sein Anzug kann 
beim Schneider aufge« 
bügelt werden. 
Ihr kullern die hellen 
Tränen über die rosig 
angehauchten Wangen 
und vermischen sich mit 
den garstigen Regen« 
tropfen und den von 
ihrem Hut herabrieseln« 
den Bächen zu einem 
grauen Brei. Monsieur 
ist Geschäftsmann und 
beratschlagt im Innern, ob 
er morgen lieber .Sarotti Weiter, hochgeschossener Kraftfahrer* 
oder ,Lindström' ver« mantei, Ärmef mit Windschutz. 
Gummierter undimprägnierter Cape- 
mantei,dazu passender Regenhut. 
Na, und zu dem 
neuen Kostüm gehörte 
natürlich der entzückende 
Trott.eurhut aus grauem 
Crepe de Chine für 
zweitausend Mark. Und 
der Herr Gemahl muß 
sich abermals • in sein 
Scheckbuch vertiefen. Er 
tröstet sich mit Wildes 
»Dorian Gray«: »So« 
bald eine Frau heraus« 
findet, daß ihr Mann 
ihr vollständig gleich« 
gültig geworden ist, läßt 
sie sich entweder schreck 
lich gehen, oder sie trägt 
sehr elegante Hüte, die 
der Mann einer anderen 
Frau zu bezahlen hat.« 
Er will doch seiner eie« 
ganten Frau absolut 
nicht gleichgültig sein. 
Da bezahlt er schon 
lieber ihre Hüte allein, 
und wenn sie noch so 
teuer sind.
        
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