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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

er Armb e 
hang 
Von Margarete von Suttner. 
E s gibt ängstliche Gemüter, die stets unter dem Druck 
der bangen Frage leben: Wo soll das hin mit der 
Mode? Wird es ihr gelingen, wieder Neues ausfindig zu 
machen? Wird ihre Phantasie nicht versiegen? 
Es scheint, der Quell ist unerschöflich! Zum mindesten 
tut sich immer gerade dann, wenn eine seit langem stark in 
Anspruch genommene Ader des weitläufigen Modegebietes 
nur noch spärlich fruchtbare Gedanken ausscheidet, ein 
neuer Born auf, aus dem die Ideen hervorsprudeln, daß 
es nur so eine Art hat. 
So auch jetzt. Ideen, Vorwürfe ganz neuer Art perlten 
geheimnisvoll irgendwo auf, wurden gefaßt, nahmen greif« 
bare Gestalt an, wurden verstofflicht. Und siehe da — 
das Ziel der materialisierten Gedanken war der Frauen« 
arm. Nie dagewesene Dekorationen oder Behänge — oder 
wie mans nun nennen will — schlängeln sich um ihn, ver« 
schieiern ihn, geben ihm Relief, meist nicht ohne gleichzeitig 
in nicht mißzuverstehender Weise zu verstehen zu geben, 
daß sie beachtet sein wollen. 
Ziel und Zweck der neuen Armdekorationen war also 
ureigentlich nicht, den Arm mildtätig zu verhüllen, sondern 
dem Kleide und der Frauenerscheinung erhöhten Reiz zu 
geben. Sie sind ästhetische Werte und möchten dem 
entsprechend behandelt werden. 
So ward euch 
Frauen ein Requi 
sit gegeben, um die 
Grazie der Bewe 
gung zu üben, und 
euerm Arm ward 
eine Folie so kokett 
und schwungvoll, 
wie es ähnliches nie 
auf diesem Gebiete gab. Man betrachte zum Beispiel die 
Modebilder aus den Jahren 1875—1885. Hoffnungslos 
nüchtern, pedantisch, steif, qualvoll unbequem umgibt jahr 
aus jahrein die gleichgeformte, glatt anliegende Hülle den 
Arm. Man fand keine andere Variation des Grundmotivs als 
die, die Ärmelkugel immer knapper zu gestalten, knapp bis 
zur Unerträglichkeit, fast bis zur Unbeweglichkeit des Armes. 
Derlei kleine Rückblicke sind manchmal ganz heilsam, 
und lehren die Frauen größere Zufriedenheit mit den ak 
tuellen Moden. Wir haben in der Tat momentan keine 
Ursache zu klagen. Die Frau, die einen schönen Arm hat, 
kann fortfahren, das ärmellose Kleid zu tragen. Für den 
Abend kann der Arm ganz freibleiben, am Nachmittag 
können sich eventuell nur ein paar Strähnen feiner Seiden 
schnürchen oder solche aus Wollfäden, die von der Achsel 
ausgehend am Handgelenk wieder festgehalten werden, um 
ihn wickeln. An anderer Stelle sah ich, der Mode ent 
sprechend, ein breites, doppelseitiges Band über die Schulter 
fallen und am Handgelenk mittels eines Jettperlenarmbandes 
befestigt. Zu den allerletzten Modelaunen gehört ein Arm 
behang in Gestalt eines langen, geraden Stoffstückes, das 
unter dem Arm hindurchgezogen und auf der Achsel zu 
sammengenommen wird, und bis über den Rocksaum her 
abhängt, sowie der einseitige Armbehang. Ich mache 
ausdrücklich darauf 
aufmerksam, daß er 
nur aus durchsichti 
gem Stoff annehmbar 
ist. Aus dichtem Stoff 
macht er die Träge 
rin, im Moment da 
sie den Arm hängen 
läßt, zur Einarmigen. 
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