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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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den guten Jahren heraus 
bereits in die besten ge 
kommen ist, 
übersieht mit 
einebn Blick,, 
wieviel Herr» 
schäften aus 
der Nähe 
Ihrer Ge» 
genden im 
Saale sind 
und richtet 
dann da» 
nach seinen 
Schmus ein. Sie wollen 
sich sündig Vorkommen, 
zu Hause am Stamm 
tisch im »Blauen Äffen« 
mit Ihren Berliner Er» 
lebnissen prahlen und 
den Herrn Pastor durch 
Nacherzählung einiger 
echter Berliner Ferker 
leien kränken. Das 
weiß der Conferencier,- 
er weiß aber auch, daß 
Sie gern ein bißchen 
in Patriotismus von 
1914 machen und schickt Ihnen ein Mädel auf 
die Bühne, das ursprünglich als »Wade« gedacht 
war, dann aber in einen alten, verblichenen Leut» 
nantsrock gesteckt wurde und Ihnen irgendetwas ein Wiener Schnitzel zu 45 Mark verspeist haben, 
Träufein Mizzi singt ftaCforniscfe 
Dirnenfieder. 
Fräulein »Wade« ist, aber hier in langen Kleidern 
auftritt, und das schöne Lied von den duftenden 
Reseden, die sich so gut als Tischdekoration eignen, 
zum besten gibt. 
Dann zwischen dem Wonnegrunzen über allerlei 
Zötchen lieben Sie es, ein sentimentales Tränchen 
in den schlecht geschnittenen Backenbart kollern zu 
lassen, und während diese Träne noch leuchtet, ist 
schon der Herr Conferencier aufgetreten und hat 
einige bessere 
Sachen in Prosa 
zum besten ge» 
geben. 
Wenn Sie zu 
all diesen Sie 
äußerst befrie» 
digenden Ge» 
nüssen dann 
noch eine Stei» 
gerung Ihres 
Wohlempfin» 
dens herbei» 
führen, indem 
Sie eine Flasche 
Mosel zu dem 
kostbaren Preise 
von 95 Mark 
(Einkaufspreis: 
Mark 8,50) 
konsumieren, 
und dazu noch 
Der Confe'rencier. 
von der »Wacht am 
Rhein« oder ähnliches 
vorflöten muß. 
Das beruhigt ganz 
vortrefflich Ihr Gewissen, 
denn es eignet sich be» 
sonders dazu, Muttern 
daheim zu erzählen, mit 
welcher erhebenden und 
sinnvollen Unterhaltung 
man sich in Berlin er» 
freuen kann. 
Zum selben Zweck ist 
auch eine »seriöse« Sän» 
gerin da, d. h. eine Lady, 
die nach Schluß des Ka» 
baretts nicht teurer als das 
Der Cßansondredsfer in seinem Heim. 
so können Sie mit Recht 
von sich behaupten, einen 
echt lebemännischen Ber» 
liner Abend hinter sich zu 
haben. 
Und wenn Sie sich 
dann zwischendurch noch 
verirrten und dabei in 
die Damentoilette gerieten, 
so können Sie sich mit 
vollem Recht als den 
Löwen der Prenzlauer 
Lebewelt betrachten und 
über Kabaretts sachver» 
ständig mitreden. — Ich 
würde sogar etwas darum 
geben, wenn ich das mal 
mit anhören könnte. Vigo.
        
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