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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Bel Claire Waldoff 
Von Renate. 
C laire Waldoff! Schon ihr Name zaubert ein 
Lächeln auf aller Antli^l Jeder Berliner kennt und 
liebt sie, der Provinzler kommt ihretwegen nach der 
Hauptstadt, und vor dem Kriege war sie auch im Ausland 
ein gern gesehener Gast, denn neben der ganzen 
Skala ihres Humors beherrscht sie auch die fremden 
Sprachidiome meisterhaft. Was Mistinguett für Paris, 
ist Claire Waldoff für Berlin: ein fortreißendes Ele 
ment, das die Schwächen 
seiner Mitmenschen kennt, 
das sie geißelt, aber trotj- 
dem liebt und durch nie 
versagendem, aus einem 
ewig jung bleibenden Ur 
quell munter sprudelndem 
Humor zu bekämpfen sich 
bemüht. 
Wem es vergönnt ist, 
Claire Waldoff näher ken 
nenzulernen und in die 
Intimität ihres hübschen, 
gemütlichen Heims zu 
dringen, wird einer selten 
klugen, geistreichen, ge 
bildeten Frau begegnen, 
die das Schicksal auf die 
Bretter, die die Welt be 
deuten, geworfen hat. 
Von »Männe«, einem 
seehundähnlichen Dackel, 
mit großer Liebenswür 
digkeit empfangen, über 
schreitet man die Schwelle 
des Salons, in dem einem 
die außerordentlich reich 
haltige, mit feiner Wahl 
zusammengestellte Biblio 
thek zuerst ins Auge fällt. 
Denn »unsere Claire« — aer Berliner kennt sie nur 
unter diesem Namen — wäre beinahe — beinahe 
eine große Gelehrte geworden, ehe sie eine große 
Künstlerin wurde. Aus sehr guter Familie vom Rhein 
stammend, absolvierte sie mit Glanz ihr Abiturium 
und wollte sich der ärztlichen Wissenschaft zuwenden, 
als widrige Schicksalsschläge sie zur Aufgabe des 
Studiums zwangen. 
Nun erinnerte sie sich daran, wie ihre Pensions 
freundinnen immer von unwiderstehlichen Lach 
krämpfen befallen wurden, wenn sie ihnen des Abends 
im gemeinschaftlichen Schlafzimmer heimlich Lieder 
vorsang, weil ihre drollige tiefe Stimme mit der 
scharfen Akzentuierung alle Pointen in genialer Weise 
hervorzuholen verstand, weil sie durch eine ganz un 
nachahmliche Mimik nicht auszusprechende Dinge zu 
unterstreichen wußte. 
Und Claire Waldoff betrat den Weg zur Bühne, 
der für sie sehr bald zum Ruhme führte. Man er 
innere sich doch, wie die Menge vor Jahren nach dem 
Theater ins Lindenkabarett eilte und hier geduldig 
bis Mitternacht ausharrte, um die Sensation von Berlin 
»Claire Waldoff« zu hören, 
wenn sie ihren Schlager: 
»Wenn derBräut’gam mit 
der Braut so mang de 
Wälder geht«, sang. Man 
schrie vor Vergnügen, hielt 
sich die Seiten vor Lachen 
und war noch tagelang 
bei der bloßen Erinnerung 
aufgekratjt. 
Die Fähigkeit, das Pu 
blikum mit ihrem Humor 
mitzureißen, ist Claire treu 
geblieben: sei es, daß sie 
in ihrem lebten Erfolge 
»Die Ehe im Kreise« im 
Theater amNollendorfplatj 
»’nen Mann, ’nen kräft gen 
Mann« braucht, oder im 
»Schwarzen Kater« mit 
schiefgezogenem Munde 
und verständnisvollem, 
listigen Augenzwinkern 
»Hermann heeßt er!« 
singt. 
Ein begeisterter Vereh 
rer der Waldoff- vielleicht 
war er auch schon etwas 
angeheitert, denn es war 
schon recht spät geworden 
— erhob vor kurzem in einem Kabarett sein gefülltes 
Sektglas und bat die Anwesenden, ihre Gläser auf das 
Wohl von Claire Waldoff zu leeren, die auf der 
Bühne stand und soeben das schöne Lied: »Wer 
nie in Tejel hat jeküßt, weiß nicht, wie süß die Liebe 
ist« beendet hatte. Nur zu gern folgte man der Bitte 
des begeisterten Herrn. Ein kräftiges Hoch begrüßte 
und verherrlichte unsere so außerordentlich beliebte 
Künstlerin, die durch die ihr in so überraschender 
Weise dargebrachte Ovation eine besondere An 
erkennung ihrer Leistungen erhielt. 
Und der Ruf: Claire Waldoff lebe hoch, hoch, 
hoch! pflanzte sich von der Friedrichstraße jauchzend 
und froh über ganz Berlin fort. 
Die Künstferin in ihrem Heim. 
Phot.: R Senne ehe.
	        
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