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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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»Willst du einmal riditig bummeln, 
eine flotte Nacht durchtummeln: 
sieh dir auf der Säule an, 
was man unternehmen kann. 
Hast du noch von deinem Kitt was, 
frage nur den kleinen Litfaß, 
der sagt dir bei Tag und Nacht, 
wie man Pinke allemacht. ■ — — « 
S o sang einst Josef Giampietro, der ewig Unvergeßliche, in 
einer Revue des Metropoltheaters, die den verheißungsvollen 
Namen »Die Nacht von Berlin« führte. Ja, ja, Berlin war 
einst wegen seines Nachtlebens berühmt, und nicht nur der 
Provinzler, der auf ein paar Tage im Sündenbabel Berlin alle 
Kleinstadtmoral über den Haufen warf, wußte davon am hei 
mischen Stammtisch Wunderdinge zu berichten, sondern auch 
der internationale Globetrotter mußte diese Tatsache lobend 
anerkennen. Und wie billig war alles. Für fünfzig Mark 
konnte man ganz Berlin auf den Kopf stellen, und zugleich die 
schönste Hetäre sein eigen nennen. Meistens aber kam man 
mit einem erheblidi geringeren Budget aus. Der Bummler von 
Stil verlebte auch schon für zwanzig Mark paradiesische 
Stunden. — Man verabredete sich mit ein paar gleichgesinnten 
Freunden, meist erst nach dem Abendessen, und zog dann 
ohne bestimmtes Ziel los/ man ging eben bummeln. Der 
Elegant zog Frackanzug, Havelock und stumpfen Zylinder an, 
dem Commis Voyageur genügte auch schon Melone, dunkler 
Sakko und Paletot. Aber eleganter und stilvoller sah der 
Bummler von 1914 auf jeden Fall aus, wie der von 1922. Die 
klassische Bummelgegend war die Friedrichstadt, die als Haupt« 
anziehungspunkt den Metropolpalast mit »Palais de danse« und 
»M<*«cotte« hatte. Der typische Bummler aber machte es nicht 
unter mindestens einem halben Dutzend Lokalen, Er nahm 
zuerst einen 
Drink im 
»Palais« an 
der Bar und 
ging dann 
ins »Taba« 
rin« oderauch 
in die »Ad« 
miralspalast = 
bar«. Über« 
all wurde 
fleißig getanzt/ denn es brauchte nicht immer das spiegelnde 
Parkett des »Palais« zu sein. Auch in der kleinen »Unionbar«, 
in der »Bar Maxime« oder im »Moulin rouge« tanzte man 
in den Gängen zwischen lischen und Stühlen hindurch nach 
aen Weisen \on »Marietta« oder »Mysterious Rag«. Inzwischen 
hatte man ein bekanntes kleines Mädel getroffen und fuhr mit 
dem damals ach noch so billigen Taxameter nach dem moder 
neren Westen. Unterwegs machte man noch der »Niggerbar«, 
wo seinerzeit eine wunderschöne Mulattin als Sehenswürdigkeit 
angestaunt wurde, und dem luxuriösen Klub=Restaurant »Grand 
Gala« in der Potsdamer Straße eine Stippvisite. Am Nöllen« 
dorfplatz begann dann die westliche Rummelgegend mit ihren 
zahllosen Freudenstätten. Da war zunächst die »Nollendorf« 
bar« mit einer Ziegeunerkapelle und den schönsten Mädels, 
dann die »Motzbar« und »Chrysanthemumbar, in der Luther« 
Straße die »Eispalastbar«, am Viktoria«Luise«Platz die »Pom« 
padour«. Ein bekannter Berliner Schriftsteller schrieb folgende 
Verse nach einer durchbummelten Nacht auf eine Weinkarte 
der gemütlichen, kleinen »Crysanthemumbar«: 
»Es riecht die Luft nach Sumpf und Torf 
allnächtlich in der ,Nollendorf'. 
Ist dir das Leben eine Last, 
dann gehe in die ,Eispalast'. 
Dem Glücklichen schlägt keine Uhr 
am Bartisch in der ,Pompadour'. 
Bist du in allen Bars herum, 
so blüht dir noch ,Chrysanthemum'.« 
Am interessantesten war die »Eispalastbar«, ein kleiner, vier 
eckiger Raum 
in der Größe 
zweier mäßi« 
ger Zimmer. 
Eine Kapelle 
von Niggern 
und Mulat 
ten war die 
Hauptattrak 
tion. Die Gä 
ste setzten 
sich aus dem üblichen Publikum der Bars im Westen Berlins 
zusammen. Befrackte Gents, Offiziere in Zivil, Frauen aus 
dem Bayerischen Viertel, JüngJinge im Smoking. Da» »Eis 
palastkasino« war der Typ des internationalen Barrestaurants, 
die Zwischenstufe zwischen Theater und Nachtbummel, die
        
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