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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Silhouetten vom Theater 
S chnell mit flinker Schere ein paar klei 
Schnitte, ein paar Profile nur aus der 
Fülle der Gesichter! 
1. 
Rosa Valetti als »Fremde Frau«. 
Wann endlich sieht man diese uner 
hörte Person in einer Rolle, die ein 
Dichter geschrieben hat? Wenn sie 
aus diesem niederträchtigen Kitsch eine 
Sache macht, daß den ältesten Theater 
eseln die Tränen in die Bartstoppeln 
knilern — was müßte sie sein als Frau 
Martha Schwerdtlein beispielsweise? 
Oder als Falstaffs treue Wirtin? 
Oder — was ich mir am prächtigsten 
denke — als Königin lsabeau in der 
»Jungfrau von Orleans«? Wann end 
lich wird diese brutale Kraft, die durch 
hehrste Kunst den Weg zum Edelsten sich 
bahnte, die rechte Aufgabe finden ? 
11. 
Und wann Hermine Sterler? Diese Dame, 
erglühend in Leidenschaft und edelster Kunst ? 
„Jaquefine" im Kfeinen Theater, 
i/ans Afters, Carola 7oc(fc. 
Pfiot: Zander © Lafnscß. 
sie, die beste Kraft unter dreißig in 
Berlin, ewig im Schatten stehen ? Wird 
sie schon einmal mit einer Hauptrolle 
bedacht, wie eben in Schendells »Mar- 
cella«, dann sicher in einer Matinee, 
denn solch ein Drama von literarischem 
Wert darf der fremden Frau und dem 
Schwan keinen Abend wegnehmen ! 
Über dieser Schauspielerin liegt der 
Schatten unverdienter Erfolglosigkeit, 
aus dem sie erst dann hervortreten 
wird, wenn man sie endlich richtig als 
das einschä^t, was sie ist: als die 
schönste Theaterhoffnung der jüngsten 
Generation. 
111. 
Tilla Durieux als Irene. Nehmen 
wir gleich das höchste Bild : wie ein Ge 
dicht von Stefan George: Maß und Würde, 
Schmerz und Festigung, höchste Kraft und tiefste 
seelische Durchdringung. Die späte Mittagshöhe 
dieser Kunst zu schauen, die wir seit ihrem ersten 
Frühdämmer kennen und lieben — das ist ein 
Glück, das uns trösten mag über alle Miseren. 
Dr. Victor Gotdscfunidt. 
Neueinstudierung von „Boheme” im Deutschen Opernhaus. 
Kamu. vom Scheidt. Lanier, timt. 
Phot.: Hans Kat ge.. 
Hey et
        
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