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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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stand, zum Sprung bereit, zum Sprung in das Nichts. - 
Wenn er doch in Dunst und Rauch hätte aufgehen können! 
Molly schritt würdevoll und kühn, wenn auch mit schwin 
genden Nerven hinaus. Wahrhaftig, da bastelte jemand an 
der Entreetür. Sie öffnete mit raschem Griff; stand da 
draußen ein Mann in blauer Bluse, mit einem Riesen 
schlüsselbund und bohrte mit 
unheimlichenWerkzeugen eif- 
rigst an dem Schloß herum; 
daneben stand die achtjährige 
Pussy und kommandierte mit 
wichtiger Miene. 
Mamma Molly war sprach 
los. »Ja, Pussy, was fällt dir denn 
ein? Was ist denn hier los?« 
»Na, erlaube mal, Mamma, 
ich konnte doch nicht in die 
Wohnung rein. Niemand hat 
aufgemacht, da habe ich mir 
eben einen Schlosser geholt. 
Und die Frau laßmann neben 
an mußte mir 1,50 M. pumpen, 
damit ich den Mann bezahlen 
kann«, sagte die Kleine altklug. 
Molly mußte wider Willen 
herzlich lachen; sie gab dem 
Schlosser einen Wink, und er 
zog schmunzelnd ab. »Aber, 
Mädel, wo kommst du denn 
jet^t her? Du solltest doch mit 
Fräulein Fortgeheni« »Ach - 
das war so langweilig und so 
weit, das mocht’ ich nicht, da 
bin ich uusgekniffen. Aber wie siehst du denn eigentlich aus, 
Mamma?« wich habe geschlafen«, sagte die Mamma auf 
fallend rasch. »Na?« machte die Kleine zweifelnd, »ln dem 
feinen Kleid?« »Na ja, ich wollte mich auch mal schön 
machen, siehst du!« Mama lachte nervös. »Hm — ja — 
also — ach, du, Pussy, höre mal, du warst zwar sehr un 
artig, aber — möchtest du gerne Torte mit Schlagsahne 
essen, ja? Also paß mal auf, geh’ mal und hol’ uns was 
Schönes, ja? Aber nicht hier zu dem Bäcker, sondern zu 
dem Feinen, der in der Schloßstraße wohnt, weißt du? 
Du findest doch, nicht?«' »Au ja, wo es was Feines gibt, 
finde ich immer hin!« Und Pussy 
hopste quietschvergnügt die Treppe 
hinunter. 
Mamma Molly atmete auf und 
lachte zugleich, nun die kleine Ge 
fahr, die eine große hätte werden 
können, überstanden war, sieghaft 
auf. Mit einem übermütigen Ruck 
krachte sie die Tür zum Salon auf. 
Welch ein jämmerliches Bild bot 
sich ihr da! 
Fredy saß mit wirr klebenden 
Haaren und salopp säendem Rock, 
dem man die Hast des Anziehens 
anmerkte, auf dem Divan und preßte 
die schlanken Finger gegen die 
Schläfen. Er war bleich wie ein 
Weißkäse und schwitzte unästhetisch. 
Molly wurde merkwürdig ernüch 
tert, als sie diesen Waschlappen vor 
sich sah. War das der fesche, ver 
liebte Fredy, der sie ganz toll nach 
ihm gemacht hatte durch sein be 
rückendes Wesen? Fredy nahm 
von ihrem Eintreten wenig liebenswürdige Notiz, er sah sie 
nur ganz irr an, und guckte ängstlich auf den Türspalt 
hinter ihr, ob da nicht jemand hinterhergeschlichen kam, 
etwa das schwarze Gespenst des rächenden Ehemannes, 
das ihn eben dauernd umgeisterte. ... 
Molly zog ironisch die Mundwinkel herab und ließ sich 
nonchalant in einen Sessel 
fallen. Fredy stand unruhig 
auf und griff nach dem Hut. 
»Schatz, verzeih, aber nach 
diesem Vorfall will ich mich 
doch schnell drücken! Auf 
Wiedersehen mein Süßes« — 
und er wollte in aller Eile 
einen Flüchtigkeitskuß auf ihre 
Stirn applizieren. Molly rich 
tete sich stolz empor: »Wie 
sagten Sie, bitte? Es war mir 
ein sehr zweifelhaftes Ver 
gnügen, Herr Hollstein.« — 
»Ja aber, Molly«, stufte er, 
konnte dabei aber einen ängst 
lichen Blick nach der Tür nicht 
vermeiden. »Ich liebe nur 
Männer, Herr Hollstein, und 
keine kleinen Jungens, die sicJi 
vor der Prügel fürchten, wenn 
sieVerbotenes genascht haben. 
Es wäre mir angenehm, wenn 
Sie sich schleunigst empfehlen 
würden.« Sprach’s und wandte 
sich ostentativ ab. 
Fredy stand noch einen 
Moment unschlüssig im Zimmer, ließ einen verstohlenen Blick 
über Mollys reizende Figur gleiten, die sich ihm in der 
Rückenansicht bot und verschwand dann mit einem Achsel 
zucken. — »Nie wieder lasse ich mir von einer verheira 
teten Frau die moralischen Grundsätze abgewöhnen«, mur 
melte er auf der Treppe. »Wenn man sich so’n Stückchen 
Moral bewahrt, ist doch was wert.« — Sprach’s und eilte 
im Vollgefühl seiner moralischen Würde davon. Er be 
merkte nicht, daß ein kleines, keckes Mädel ihn an der 
Haustüre neugierig musterte. 
»Du, Mamma«, sagte die kleine Pussy ein paar Sekunden 
darauf zu ihrer Mutter. »Gibt es 
auch große Männer, die Angst vor 
Haue haben?« »Ja, mein Kind, die 
gibt es auch«, sagte Mamma Molly 
und verzog dabei die Lippen, als 
wenn sie einen bitteren Bonbon im 
Munde hätte. »Au, Mamma, dann 
habe ich eben einen gesehen, der 
kam die Treppe runter und hielt die 
Schulter immer so schief und machte 
so lange Beine, als wenn einer mit 
der Rute hinter ihm wäre. . . . Du, 
Mamma, so’nen Mann mag ich nicht, 
der ist doch eigentlich gar nix, 
weißt du, wenn ich mal groß bin, 
heirate ich bloß so einen stolzen 
Mann, wie Papa.« 
Mamma Molly streichelte Pussys 
Köpfchen. »Die jüngere Generation 
ist uns doch weit überlegen«, philo 
sophierte sie dabei. »Von seiner acht 
jährigen Tochter kann man lernen, 
welche Männer am liebenswertesten 
sind.« — — — — — — — — —
        
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