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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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DIC o d L s cfo e U) e s t e n 
DJCit Zeichnungen oon Curt Qerry fbarber nach JItodeCCen der firma fCinkouüski & Cen$. 
enn man die Freiherr» 
lieh von Lipperheidesdie 
Kostüm = Bibliothek durch» 
wandert, bleibt das Auge 
wehmütig auf den Mode» 
kupfern und Lithographien 
vergangener Zeiten haften. 
Wie trostlos erscheint doch 
das eintönige Grau unserer 
heutigen Herrenmode im 
Vergleich mit den bestickten 
farbenfrohen Gewändern 
des Rokoko und Barock. 
Die »herrdiche Schneider» 
hülle wurde im Laufe der 
Zeiten immer einfacher, und 
schon in der Balzacschen 
Zeit sind es eigentlich in 
der Hauptsache nur noch 
die Westen, die der Klei» 
düng ihr buntes Gepräge 
gaben. Damals wurde das 
Gilet mit derselben Sorg» 
falt behandelt wie die Krawatte. Heute ist die Weste 
zum Stiefkind der Herrenmode geworden. An allen 
Ecken und Enden wird sie beschnitten und so knapp wie 
möglich gearbeitet, ja, im Sommer wird sie von unserer 
sportfreudigen Männlichkeit in vielen Fällen als verweich» 
behend ganz abgelehnt, und dafür gewinnen Hemd und 
Gürtelhose immer mehr an Beliebtheit. Im Winter je» 
doch, besonders wenn er sich so unbebenswürdig zeigt 
diesem Jahre, und in den Übergangsjahreszeiten 
ist .die Weste als 
wärmende Hülle 
immer noch un» 
entbehrlich. Im 
großen und gan» 
zen trägt man zum 
T agesanzug heute 
keine bunten We» 
sten mehr, sondern 
hält seit Jahren 
konservativ an 
dem »Uni« der 
Jackenanzüge fest. 
Nur hier und da 
sieht man zum 
Sakko eine stein» 
graue, mode» oder 
cremefarbene 
Weste, die dann 
Rücitansießt einer gulgearbeiteten Weste, als 'angenehme 
Unterbrechung 
Graue Tucßtveste mit weinroten Streifen. 
wie in 
des einfarbigen Anzugstils 
sehr gut wirken kann. Zum 
Rockanzug ist eine tauben» 
graue Weste korrekt, beim 
Gehrock beschränkt man sich 
auf einen weißen, abknöpf- 
baren Vorstoß im Ausschnitt 
der schwarzen Weste. Zum 
Smoking sollte als Regel 
immer noch die schwarze 
Weste gelten,- nur an heißen 
Sommertagen ist die weiße 
aus hygienischen Gründen 
entschuldbar. BunteWesten 
zum Smoking sind absolut 
schlechter Stil. Zum Frack 
ist nur die weiße Pikeeweste 
mit dicht zusammenstehen» 
den Perlmutterknöpfen mög» 
lieh. 
Anders beim Sport, der 
die bunte Weste auch in 
den kräftigsten Farben zu» 
läßt. Ich erinnere nur an die roten, grünen und gelben 
Golf» und Polowesten. Beim Sport muß die Weste oft 
den Rode ersetzen und wird daher auch mit Ärmeln ge» 
arbeitet. Die Mitglieder englischer Klubs tragen Westen 
in ihren Klubfarben. Zum Reiten, Autofahren und zum 
Wintersport sind Lederwesten aus Glaceleder gebräuchlich. 
Auch die Weste zeigt im Schnitt ihre modischen Vari» 
anten. Da gibt es Einreiher und Zweireiher mit und 
ohne Revers, auch die Tiefe des Ausschnitts wechselt je 
nach Geschmack. 
König Eduard ließ 
aus Bequemlichkeit 
für seinen Embon» 
point stets den un« 
tersten Westenknopf 
offen, eine Mode, die 
sich in der Herren« 
weit bis heute erhal» 
ten hat. Andere Ge« 
bräuche prominenter 
Persönlichkeiten, wie 
die Vorliebe Roda 
Rodas für roteWe« 
sten in jeder Lebens» 
läge und die Manie 
des Erzherzogs Jo» 
seph für grüne We» 
sten, haben weniger 
Anklang gefunden. 
Hubert Mifietta. Lederfarßene Tucßweste.
        
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