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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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gafanten Stutzers 
stießen von Moreau und Treudenßerg. 
versichert, daß sie die reizendste Frau Frankreichs sei.. .. 
Die Zerstreuungssucht des Königs, sowie der Ehrgeiz 
seiner Favoritin waren wieder einmal befriedigt. Auch 
die Abgewiesenen sollten versöhnt werden/ das Theater« 
spielen geschah »öffentlicher«. Die Prinzen, die Prin« 
zessinnen, ja sogar die Königin gaben der Kunststätte 
die Ehre. Was aber das Originelle an der ganzen Sache 
blieb, war, daß der Hof hier wirklich ganz unter sich sein 
konnte. Denn die Mitglieder der Bühne rekrutierten sich 
aus dem besten Adel Frankreichs, die jüngeren und älteren 
Stutzer drängten sich zu dieser neuen Unterhaltung. Sie 
bot etwas Neues, Eigenartigeres als die Unterhaltungen 
am Kamin, als das Jagen durch den Forst. Und wenn 
das 1 hema auch hier das ewig Gleiche schien, das man 
bewußt in unzähligen Variationen behandelt hatte, dies als 
Spiel um des Spieles willen zu treiben reizte. Man wurde 
bewußt Schauspieler, während man es sich sonst im Leben 
?u verhehlen suchte. Diese Zeit des uneingeschränkten 
Idikultes hatte eine Gesellschaft großgezogen, die nichts 
kannte außer dem eigenen Genuß. Man kultivierte seine 
Persönlichkeit, und wie weit das geschah, kann man aüf 
allen Bildern der zeitgenössischen Stecher ersehen. Da 
gilt das Außerachtlassen von einer Kleinigkeit wider 
Toilettegegenstände als Sakrileg. Besonders bei den Stichen 
von Freudenberg, der die erste Folge der »Trois suites 
d’estampes« ausführte, kann man diese Vertiefung infClein- 
lichkeiten beobachten. Ja, die Natürlichkeit geht so weit, 
daß wir mit Zuversicht behaupten können, daß selbst das Muster 
des Stoffes pflichtgetreu kopiert ist. Man war eben so von seinem 
Genie überzeugt, daß man nicht vergaß aufzuzeichnen »wie er sieh 
räuspert und wie er spuckt. . . . « 
Was galt es im übrigen den Herzogen d'Ayen, de Nivornes, de 
Caigny, de Duras, ob sie im Theater der Marquise oder im Salon der 
Königin ihre Schlingen legten, in die die galanten Damen des Rokoko 
nur zu bereitwilligst schlüpften, nicht ohne vorher einer Freundin 
mitzuteilen — der Ehrgeiz des lchs fand stets Ausdruck in Briefen 
oder Memoiren — daß der Funke sein Ziel erreichte. Das Wechsel 
spiel der Laune eines jeden, die alle nur das Gesetz kannten: »Er 
laubt ist, was gefällt!«, lockte nur zu verführerisch dazu, die Theorie 
des Salons in die Praxis des Boudoirs zu übersetzen. Die laxe Sitte 
erlaubte, ja, verlangte geradezu, daß der Stutzer dem Lever seiner 
Dame beiwohnte, und Gelegenheit sowie manchmal liebevoll unter 
stützter Zufall brachten es mit sich, daß der lose Frisiermantel, die 
Decke des Ruhebettes neidlos dem Auge des Besuchers Schönheiten 
preisgab, worüber die Besitzerin all dieser Wonnen natürlich pflicht 
schuldigst errötete. Hastig hüllt sie sich dichter in eine Flut des köst 
lichsten Materials, jedoch nicht bevor sie davon überzeugt ist, daß . . 
In dieser Sphäre eines fast unmenschlichen Lebens— und Liebes- 
durstes denkt, flüstert und spricht man eben nur von dem einen 
Thema. Wer es sich von den vornehmen Elegants leisten kann, 
macht diese Teufelsjagd von Genuß zur Erschöpfung von der Gier 
zum Genuß mit. In den Augen leuchtet nur eine Frage, fragend 
brennen die Lippen des Gents auf der Hand seiner Erwählten. 
Mag man sich nun im Theater befinden oder daheim. »Cosi fan 
tutte . . . « 
Aus den Vorstädten aber leuchten Wetterzeichen auf. Ein Sturm 
wind faucht näher und näher. Er wird durch die Räume Versailles 
seine Melodie von Fraternite, Egalite brausen lassen. Verstaubt 
blicken die Amoretten von Bouchers und Lancrets auf den Rummel 
der Sansculottes, und auf dem Place de la Concorde enthauptet 
Mütterchen Guillotine das gepuderte, parfümierte Rokoko-Schäferpaar
        
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