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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

stocksteife " r Burschen 
sind, assimilieren sich mit un 
heimlicher Schnelligkeit und 
sind harmlos froh mit den 
Fröhlichen. Freilich, wenn die 
Sache zu Ende ist, am 
Aschermittwoch, geht 
nichts mehr, dann pak- 
ken sie, als wenn nichts 
gewesen wäre, ihre Koffer und 
fahren in ihren Norden zu 
rück. Der Münchner aber, 
schon im Dämmergrau des 
Morgens, wenn die Kon 
fetti noch auf den 
Straßen liegen — 
gehl, in die Kirche 
— und es muß kein 
häßlicher Posten sein, der 
eines Beichtvaters in einer 
Münchner Vorstadt, denn die 
Münchner Madl haben eine 
altererbteTechnik im Sündigen 
und verstehen die drei Wochen, 
die ihnen zum Austoben ge 
geben sind, nutzbringend aus 
zubauen, und wenn dem süßen 
Mädel die Sünden vergeben 
sind, dann geht es hin, begnügt 
sich mit seinem einen Gespusi, 
und wartet auf den nächsten 
Fasching, um neues Material für 
den Beichtvater zu sammeln. 
Und bei uns in Norddeutsch 
land, in Berlin zumal? Da gibt 
es keinen Aschermittwoch 
und vielleicht auch deshalb 
keinen richtigen Fasching. Alle 
die Leute, die man auf Kostüm- 
bällen sieht, wirken mindestens 
bis 1 2 Uhr wie verkleidete Be 
amte. Der Norddeutsche hat 
nun einmal vor langen Jahren 
einen Ladestock verschluckt, 
den er immer noch nicht ganz 
herausbringen kann. W enn 
aber der Alkohol und die Musik 
anfangen auch auf sein ge 
festigtes Gemüt zu wirken, 
dann wird er einfach, was er 
„scharf“ nennt. Auf sämtlichen 
M ünchnerFaschingsbällen wird 
zusammen nicht so viel ge 
knutscht, wie auf einer einzi 
gen Berliner Veranstaltung. Bei 
einem der letzten Bälle war 
eine sogenannte Teufelstreppe 
eingerichtet, 5 Mark Entree 
pro Person und nichts als 
eine finstere Treppe. Bos 
hafte Gemüter be 
leuchteten mit einer 
T aschenlampe die 
Treppe, aber die 
selbe verlosch so 
fort wieder, man 
braucht unkeuschen 
Augen nicht zeigen, 
was keusche Herzen 
nicht entbehren 
können. 
Vigo.
        
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