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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

D as ist von jeher so gewesen 
und wird immer so blei 
ben, der Süddeutsche lebt und 
der Norddeutsche spielt Fa 
sching. Das ganze Jahr hin 
durch ist das Dasein der jungen 
Münchner, ganz egal welcher 
Kreise, sozusagen auf den Fa 
sching eingestellt. Er gilt als 
der Mittelpunkt des Lebens, 
für ihn wird gespart und in 
seinen kurzen Wochen alles 
das genossen, was das übrige 
Jahr versagt hat, und daran 
vermag keine Not der Zeit, 
keine wirtschaftliche Ivtißlage, 
ja nicht einmal der geringe 
Alkoholgehalt des Bieres etwas 
zu ändern. Nichts hat der 
Münchner im Kriege schwerer 
empfunden, als daß ihm sein 
Fasching verboten war, und 
kein Verbot von den vielen 
mehr oder weniger törichten 
in den Kriegsjahren ist häufi 
ger übertreten worden, als 
dieses. Wie in allem, so hat 
auch im Fasching der Münch 
ner seineTraditionen. Von den 
Bällen des Deutschen Theaters, 
die sich an Eleganz mit jeder 
Pariser Veranstaltung messen 
können, bis hinunter zu den 
Bauernbällen beim Tonisl und 
den Schwabinger Künstler 
festen in der Pension Führ 
mann — überall fühlst du 
einen festen, seit Jahren ge 
regelten Brauch, und wenn es 
noch so toll und wild her 
geht. — In diesen Faschings 
tagen feiert der demokratische 
Gedanke die wahrenTriumphe, 
alle sind gleich, alle Brüder 
und Schwestern. Die bayeri 
sche Hocharistokratin hüpft ir 
gendwo draußen in der Vor 
stadt mit dem Schlossergesellen 
ihren Ländler, na, und der 
Herr Graf hat ja auch, außer 
halb des Faschings, gegen die 
Töchter des Volkes von jeher 
wenig einzuwenden gehabt. 
Es ist ein letzter schöner Rest 
eines dionysischen Gefühls, das 
alle ergreift und ein gemüt 
liches Volksfest im schönsten 
Sinne des Wortes zeitigt, und 
nicht einmal die „Saupreißen“, 
die von da oben herunterge 
kommen sind, um sich die 
Geschichte mal anzusehen, kön 
nen die Gemütlichkeit stören. 
Die meisten, wenn es nicht ganz
        
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