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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Tea-gown aus weißem Crepe maroquin 
mit Silhersticherei. 
Pf:ot: Henri Manuel, Paris. 
E s ist eigentümlich, dal! man für manche 
Gewänder der Frau keinen deutschen 
Namen hat und sich an das Ausland 
wendet, um den passenden Ausdruck zu 
finden. Das Tea - gown ist kein Nach 
mittags- und kein leekleid, es ist kein 
Schlafrock und kein Hausgewand, es ist 
eben nur ein — Tea-gown! Ein Mittel 
ding zwischen Haus- und Gesellschaftskleid, 
eine Toilette, die zu nonchalant ist, um in 
größerem Kreise getragen zu werden, und 
zu elegant, als daß man sie anzöge, wenn man ganz allein zu 
Hause ist, kurz, eine Robe für »ihn«. Wenn »er« zum Tee er 
wartet wird, wenn man »ihn« empfangen und verführerisch sein 
will, legt man ein Tea - gown an, das, obwohl es dem Zuge 
der Zeit gefolgt und sehr viel länger geworden ist, doch noch 
genügend viele Blößen zeigt, um gewünschte Wirkungen auszu 
üben. 
Ein Schneider oder eine Schneiderin müssen, um sich dieses 
Namens wert zu zeigen, Künstler, aber vor allem auch Psycho 
logen sein. Es genügt nicht, mit mehr oder weniger Geschick 
Seiden, Spitzen, herrliche Stotfe oder neue Drapierungen, die 
Schick, Eleganz und bisweilen auch etwas Unvorhergesehenes in 
eine Toilette bringen, zu verschmelzen, man muß ihnen auch einen 
Charakter, eine Seele verleihen, ln den modernen Tea-gowns 
kann sich die Phantasie austoben. Sie erwecken ein klein wenig 
Rausch, ein klein wenig galante Intrige und etwas von orientali 
schen Träumen, das eine durch den graziösen Fall des lang herab 
wallenden Crepe de Chine, das andere durch Pelz und Chiffon, 
OriginelTes Tea-gown aus hedgraucin 
Crepe de Chine mit Tüdärmefn unJ 
schwarzen Bandrositten. 
Phot.: Witte Worin 
der Madame 
Recamier von 
Gerard. Man 
begreift, wenn 
man es be 
trachtet, war 
um sich die 
Kirche von 
Saint Roch bis 
auf den letz 
ten Platz füll 
te, so daß 
viele sogar die 
Kandelaber 
und Seiten 
altäre erklet 
terten, wenn 
sich das Gc- 
jenes durch ein langes, enges, geheimnisvolles Futteral aus Tüll, Perlen und 
Spitzen, das das Rätsel eines Frauenkörpers umschließt. Von einer klugen 
Frau mit glücklichen Bewegungen getragen, schafft das 
Tea-gown die moralische Atmosphäre, die seine Träge 
rin der Teestunde geben will. 
Der Kimono, den wir von den kleinen, nied 
lichen lapanerinnen übernommen haben, jenen 
Geishas, denen wir schon manche reizvolle 
modische Anregung verdanken, liegt mehr 
denn einem Tea-gown zugrunde, nur daß 
er sich mit langen, bis fast zu Boden 
reichenden Tüllärmeln schmückt. Man 
kann heutzutage eher von einer in ihrem 
Salon »gut ausgezogenen« als »gut an 
gezogenen« Dame sprechen. Wenn im 
Jahre 1800 die gesamte Kleidung einer 
Frau, einschheßlich Schuhe undSchmuck, 
nicht das Gewicht von 16 Lot über 
schreiten durfte, so ist das heute nicht 
viel anders geworden. Denn die mo 
derne Frau im ärmellosen Tea-gown 
erinnert stark an das bekannte Bild 
Negfige' aus rosa Crepe de Chine 
mit Gfasperfen verziert. 
Phot.: Tarnous-Players.
        
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