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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

■w'rau Lissy hatte beschlossen, die Geschäftsreise ihres Galten 
zu einem kleinen Amüsement auszunuljen. Warum sollte sie 
nicht auch mal „etwas erleben“, nicht? Fesch genug war 
f sie lange. Und alle ihre Freundinnen . . . und schon ganze 
sechs Jahre verheiratet... es braucht ja nicht gleich so schlimm 
zu sein. Im Gegenteil, fast ganz harmlos. Vorsichtshalber 
schaltete sie daher unter den Freunden 
des Hauses die Junggesellen aus, 
und von den Ehemännern wählte sie 
einen mit getrennten Schlafzimmern. 
Es gibt Leute, die die getrennten 
Schlafzimmer für den Anfang der 
Ehe empfehlen, und andere, die sie 
im weiteren Verlauf für erstrebenswert 
halten. Georg gehörte zu den letzten, 
und seinerseits war er so weil. Er 
sagte seiner Frau, daß er in den 
Klub ginge, also spät nach Hause 
käme, sic möge nur zeitig schlafen 
gehen, nicht vergessen, die Tür zu 
zuschließen und den Riegel zurück- 
zuschieben. Ein zärtlicher Kuß auf 
die treue Stirn, und eine halbe Stunde 
später saß er neben Frau Lissy in 
einem kleinen Weinlokal und traf 
mit sorgfältiger Auswahl von Speisen ^ 
und Getränken alle empfehlenswerten 
Vorbereitungen. SeelenvergnUgt und 
zärtlich an ihn geschmiegt betrat sie nach dem Essen mit ihm 
ein nahe gelegenes Kabaret. Bekannte? Keine! Also konnten 
sie auf ungestörten Flirt hoffen. Aber ach, empfindlich s'örend 
wirkte das Kabaret selbst! Es stand auf dem Niveau der 
Vorführungen der Berliner Sommergarlen-Bühnen vor zwanzig 
Jahren, freilich reichlich unsauberer. Nach einigen gutmütigen 
Versuchen, doch noch auszuhallen, und zu der Einsicht ge 
kommen, daß ein Cafe' ohne Bekannte zu dieser Stunde nicht 
mehr offen war, fuhren sie zu Georg nach Hause Was in 
Anbetracht seines heiligen Ehestandes, der getrennten Zimmer 
und des erprobten Schlafs 
der Gesponsin, sowie wegen 
der angestammten Bequem-, 
Gemüt-.und — Gefahrlosig 
keit am empfehlenswer 
testen schien. Das Auto 
freilich, das sie hinbrachte, 
hatte Frau Lissy nicht in 
Rechnung gezogen, und 
das ohnehin auf ein Mini 
mum beschränkte Kleid ... 
nun, sic würden im Haus 
flur nicht gerad' jemandem 
begegnen. 
Es dauerte einige Zeit, 
bis der Wohnungsschlüssel 
schloß, denn mit der linken 
Hand ist man nicht so ge 
schickt, und die Rechte war wichtiger beschäftigt. Herrje! das 
Schloß sperrte sich aber! Er schloß wieder zu, wieder auf, 
drückte gegen, zog vor — Donnerwetter! seine Frau halte 
vergessen, den Riegel zurückzuschieben! Was tun? 
„Ach“, flüstert die kleine Frau, „klinget! Ich seß - mich so 
lang in den Fahrstuhl!“ Damit klingelt sie schon und fiißt in 
den Fahrstuhl, die Tür übermütig 
hinter sich zuwerfend'. Vergnügt sitjt 
sie da und wartet, bis das Mädchen 
nach ängstlichen Fragen die Tür 
öffnet; bevor sie jedoch wieder ge 
schlossen ist. hört sie die Stimme 
der Frau, die den Gallen zu sich 
hereinruft. O weh. sie ist von dem 
Klingeln erwacht, wird nun erst einen 
Berichi haben wollen — wer weiß, 
wie lange das . . . Himmel, was war 
das? Der Fahrstuhl setste sich in 
Bewegung — glitt abwärts! 
Bis es Frau Lissy klar geworden 
war, daß da Leute gekommen waren, 
daß sie reichlich derangierl aussah, 
daß sie, wenn sie selbst durch- 
schlüpfte und so tat, als ob sie eben 
im Weggehen war, doch keinen Haus 
schlüssel hatte, um hinauszukommen, 
war sie fast im Parterre angelangt. 
Verzweifelt drückte sie den Haltknopf 
und rasch Nr. 4 hinterher. Nun hatte sie nicht ganz vier Stock 
werke Zeit, nachzudenken. Aber ach, ihr wein- und — liebe- 
trunkenes Gehirnchen war wohl auch weniger fatalen Situationen 
nicht gewachsen. Der einzige Ausweg: das Manöver noch 
mal machen — immer rauf und runter! — Kurz bevor sie oben 
war, fiel ihr aber ein, daß man dann höchstwahrscheinlich einen 
Einbrecher im Fahrstuhl versteckt vermuten würde: Portier, 
Polizei, Gewalt — nein, das war noch entseljlicher! Also 
blieb nichts als aussteigen. Zitternd und bebend schlich 
sic langsam, langsam die Treppen hinab, während der Fahr 
stuhl schon wieder summ 
te. ln welchem Stockwerk 
würden die Leute aus 
steigen? Ach, und wie 
— ach, und wann — würde 
sie aus dem Hause hinaus 
gelangen? . . . 
Da öffnete sich die 
Tür von Georgs Woh 
nung. Er hatte den Schirm 
im Klub vergessen und 
mußte sofort noch mal 
zurück . . . 
Er brachte die arme, 
kleine, verzweifelte Frau 
heim, die nie wieder auf 
die Idee gekommen ist, 
„etwas erleben“ zu wollen. 
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