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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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hochapart! Sie hatte an keiner Frau Aehnliches gesehen: 
Rostfarbig mit schwarzen Streifen. Breitplissierter Rock, 
natürlich ziemlich lang, ganz kurze, gerade Sackjacke, 
wie angegossen sitzend, ohne ein Fältchen! 
Sonnabend mußte noch der notwendige Jumper ge 
kauft werden. Er war begeisternd: Fliederlila mit zartem 
Fraise zusammengestellt, vom Halse bis zum unteren Rand 
durchgeknöpft — nie dagewesen. Fabelhaft. 
Sonntag früh klingelte es, Freund Max stand vor der 
Tür, und Adelaide schlüpfte in die neuen Sachen: Die 
„Spitzigen“ mit flachem Absatz, den langen, rötlichen 
Faltenrock, den lila-rosa Jümper. „Na, höre mal, das 
Zeugs steht dir aber gar nicht!“ sagte Männe, und Ade 
laide mußte ihn belehren, daß das eben die neueste Mode 
sei. Kurze Zeit darauf ging sie, sich zum Ausgehen 
fertig zu machen. 
O, Entsetzen! Die Jacke war kürzer als der Jümper, 
er sah unten hervor, und den grünen Hut fand sie ab 
scheulich zum lila- 
rosa Jümper. Zwar 
hatte ihr die Modi 
stin weise erklärt: 
Betrachten Sie doch 
nur die Natur, gnä 
dige Frau, da stehen 
ja auch die Farben 
nebeneinander. Es 
gibt doch gar nichts 
schöneres als so 
einen Fliederbaum 
mit seinen lila und 
rosa angehauchten 
Dolden und den 
frischgrünen Blät 
tern! Damals hatte 
sie die Weisheit der 
Mode-Pythia be 
wundert, heute ver 
wünschte sie sie, 
und sie kam zu der 
Erkenntnis, 
daß das 
Kleid des 
''' A 7' '' 1 Fliederbau - 
mesundder 
Frau zwei 
erlei sei. 
Nicht genug davon. „Donnerwetter, was hast du denn 
da für eine Schabracke auf dem Kopf!?“ schrie Männe 
bei ihrem Anblick, zog an dem langen Bandende, das 
vom Hute wehte, und rief Max, der „aus der Branche 
war, als Schiedsmann auf. Der grinste. Schließlich 
meinte er begütigend, ein Mantel würde vielleicht besser 
zum Hute passen. Und Adelaide holte den neuen korn 
blumenblauen. „Nee, nee, weißt de — der rote Rock 
und der blaue Mantel und der grüne nee! Zieh 
doch bloß den Pelz an!“ Und so war es besser. »Nun“, 
sagte Max, „noch eine kleine Retusche. Darf ich? 
Sprachs, öffnete schnell eine kleine Schere und knipste 
das lange Bandende so weit ab, daß nur noch ein kleines 
Stümpfchen stehen blieb. „So, nun noch einen schwarzen 
oder braunen Schleier.“ 
„Aber Gesichtsschleier trägt man doch nicht“, wagte 
Adelaide. „Puh!“ machte Max mit suveräner Nicht 
achtung .... 
Am Abend sagte Max zum Freund: „Du, deine Frau 
ist niedlich, aber angezogen — — —“ „Ich verstehe 
nichts davon. Nicht chic genug, wie?“ „Chic?? 
Kriegsge “ „Willst du wohl das — — —. 
Also morgen gehst du mit ihr und 
kaufst was sie braucht. Koste es 
was es wolle!“ 
Und Max und Adelaide gingen 
einkaufen. Die kam aus dem 
Staunen nicht heraus, denn all die 
Weisheit, die sie aus den Jour 
nalen herausgelesen und -geguckt 
hatte, erwies sich als 
falsch. Aber sie wagte 
keinen Ton, denn 
Männe hatte den Mann 
hervorgekehrt, und ihr 
das schreckliche Wort 
an den Kopf geworfen. 
Nur das nicht! Kriegs 
ge -! Alles, alles wollte sie ja tun, wie Max es 
wollte. Im übrigen — er kam aus Paris. Er mußte es 
wissen, und er erklärte: 
Spitze Stiefel? Gut. Aber mit gedrungener Spitze, 
keine langen Oderkähne. Ebensogut aber kann man die 
abgerundete Form tragen. Flache Absätze? Ausge 
schlossen! Zum Straßenanzug allerdings mäßig hohe 
Absätze, am besten den Lederabsatz, viereinhalb, höch 
stens fünf Zentimenter hoch. 
Rockfavbe? — Wenn’s sein muß! Aber mehr nach 
braun oder beige als nach rot wiegend, in diesem Fall 
nur als Aufputz. Lange Röcke? — Nicht zu machen! 
Nur für Frauen mit dicken Beinen. Leuchtende Hüte? 
Mit Vorsicht zu genießen. Langwehende seitliche Fahnen? 
Unmöglich! 
Adelaide bekam nun ein marineblaues Schneiderkleid 
mit unten weit abstehender Jacke über engem Röckchen. 
Dazu dunkelblaue Strümpfe zu rotbraunen Halbschuhen 
(nicht zu spitz und nicht zu breit), ein kleines Hütchen, 
bedeckt mit dunkelblauen lackierten Blättern, aus denen 
seitlich eine rotbraune Schleife hervorkroch. Dazu 
einen dunkelblauen Seidenjumper, mit ein klein wenig 
mattem Gold durchwirkt. .Eine Zobelfachecharpe und 
bräunliche Rehlederschlupfhandschuhe. 
Weiter: ein schwarzes Taffetkleid mit weitem Rock — 
es ist für den Abend dernier chic — verschiedenartige 
Spangenschuh und auch Molieraschuhe mit großen 
Straßschnallen, Strümpfe mit Chantillyeinsätzen, lange 
hellgraue Handschuhe, ein Cape und andere schöne 
Dinge mehr. 
Im Lokalblatt aber annonzierte sie, zu verkaufen wegen 
Todesfall diverse Toiletten, Hüte usw. In Wahr 
heit hatte sie niemanden 
begraben. Nur ihren 
naiven Geschmack, 
hoffte sie, zehn > 
Schuhtief,bomben- V 
sicher eingesargt. / 
Sie verlegte 
sich nun aufs / 
Beobachten 
undVerglei- 
chen, an 
statt im 
mer nur 
nach der 
Mode 
von mor 
gen zu 
fragen. 
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