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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

T ylli liegt auf dem weichen, in schönen, satten Farben ge- 
gehaltenen Perserteppich ihrer ganzen Länge nach ausge- 
streckt und hat sich ein Taschentuch voll Süßigkeiten zusamrnenge- 
tragen — ein wahres, kleines Hamsternest. Man hört ein fortwäh 
rendes Knuspern und Knattern wie von Mäuschen. „Bub, was 
machst du denn da?“ fragt die schöne Brünette, die soeben 
vor dem Spiegel eifrig damit beschäftigt ist weißen Puder auf 
dieWange zu legen, um ihren etwas zu frischen Teint zu dämpfen. 
Der Bub knurrt: „Laß mich doch eine Minute mal in Puh!“ 
„Aber Tylli, Schlingel, Schaßi, bist du denn noch bös von 
vorhin? Sei doch kein Aff, hör - doch mal!“ Sie beugt sich 
zärtlich nieder und will Tylli, ein strampelndes, zappelndes Etwas 
in kurzem Röckchen, schwarzem Jackett und zierlichen Halbstie- 
felchen von der Erde aufheben, wogegen sich Tylli indessen 
energisch sträubt. 
Tylli ist kein wirklicher Bub, wie man fast annehmen könnte; 
wenn man genauer hinsieht, erkennt man ein schlank gewach 
senes weibliches Geschöpfchen, feinhüftig, rassig und mager, 
an den Handgelenken treten die bläulichen Adern scharf hervor. 
Nichts typisch Weibliches ist eigentlich an ihr — isls am Ende 
doch gar ein Junge? Aber nein, nur das Benehmen ist jungen 
haft und „rüpelig“. Die Stimme dagegen ein heller Sopran. 
Hübsch ist sie gar nicht. Einzu unregelmäßiges blasses, schmales, 
jeßt etwas freches Gesichtchen, graue Augen, in denen ein grün 
licher Flimmer spielt, umrahmt von einem Gewirr kurzgc- 
schnittener Haare, in welchen weder Kamm noch Bürste je eine 
leidliche Ordnung schaffen. 
Das ist Tylli, der Bub, der Gassenjunge, wie die schöne Frau 
IIka zu sagen pflegt. Aber sie meint das nicht böse mit ihren 
Spiß- und Kosenamen, solch heiße Zärt 
lichkeit klingt hindurch. 
Frau Ilka ist sonst nicht eben besorgt 
um die jeweiligen Launen ihrer Verehrer, 
welche die schöne Sängerin ständig um 
schwärmen, seitdem sie sich von ihrem 
eifersüchtigen und leichtsinnigen Gemahl, 
einen verabschiedeten, verschuldeten Offi 
zier, scheiden ließ. Sie ist voll Kaprizen 
und so verwöhnt wie eine Prinzessin, be 
zieht sie doch hohe Gagen, ist der Lieb 
ling des [Publikums. Gefällt ihr heute 
die Nase des einen Verehrers nicht mehr, 
erregen die glühenden Liebesschwüre 
des andern ihre Langeweile, so bekom 
men sie rasch, fix, hast du nicht gesehen! 
eine kleine ungeschminkte Grobheit an 
den Kopf geworfen, daß ihnen das Süß 
holzraspeln für alle Zeiten vergeht. 
Neigung, Impuls ist alles bei ihr. Ge 
schieht ihr zufällig nicht der Wille, was 
aber eigentlich fast ausgeschlossen ist, 
da das Schicksal sie mit allen Gaben 
verschwenderisch verwöhnte, so kann 
sie troßig weinen, wie ein kleines Kind. 
Welchen Gefallen hat sie nur an der 
schlanken Choristin gefunden, daß sie 
das Mädel so verwöhnt nud verhätschelt? 
Die Herren mögen Tylli ungern, sie wird 
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von ihnen gemieden, sobald sie, das geschieht allerdings 
selten, sich ohne die Begleitung der schönen Freundin zeigt. 
Wird sie etwa von den Herren um manche Bevorzugung be 
neidet? Frau Ilka ist eine wundervolle, üppige Erscheinung, 
von dem Wuchs und der Haltung einer Juno. Eine sieghafte 
Frische und Gesundheit durchpulst diesen herrlichen Frauen 
körper, troßige Leidenschaft offenbart der rote, leicht geöffnete 
Mund, aus dem so mühelos die klangvollen abgerundeten 
Töne quellen. Mit hinreißender Verve und ein wenig Brutalität, 
die den modernen Schwächlingen der Männerwelt gewaltig im 
poniert, herrscht sie auf der Bühne und im Leben. Den klassisch 
edlen Kopf, von dunklen samtglallen Haaren umrahmt, trägt 
ein weißer, blendender, statuenhafter Marmorhals. 
Tylli darf mancherlei, das sonst einem anderen die Gunst 
der schönen Frau unfehlbar verscherzen würde. Sie zieht sämt 
liche Schubladen der Kommoden und Toilettenschränke heraus, 
die raffinierte Garderobe im vollendeten Geschmack bergen und 
schmückt sich mit den seidenrauschenden knisternden Herrlich 
keiten, die sich freilich oft komisch genug auf ihrem schmalen 
Körperchen ausnehmen. Was sie nicht mag, wirft sie rücksichtslos 
auf den Boden und die Kammerzofe muß es aufheben. Erregt ein 
Gegenstand ihr Gefallen, so kann sie ihn ungefragt behalten. 
Sie darf auch die rosa und grünen Brieflein öffnen, die sich oft 
unter den kostbaren Blumenspenden bergen und sie ihrer 
Freundin vorlesen. Jede Ungezogenheit ist ihr gestaltet, ja 
sie amüsiert Frau Ilka, die sehr herzlich darüber lachen kann. 
Treibt Tylli es gar zu toll, so erhält sie wohl einen kleinen 
Klaps auf die schlanken Finger. Macht sie dann aber ein 
Schmollmäulchen, so rührt sich sofort Frau Ilkas gutes Herz. 
Alles möchte sie Tylli schenken, ihr jeden 
Wunsch erfüllen, „nur wieder gut sein“, 
bittet der Blick der fast kinderhaften 
Augen. 
Heule aber hängt irgend ein Groll 
schon den ganzen Morgen über in der 
Luft — gewitterähnlich. Sie haben sich 
heflig gezankt, die beiden. Gestern waren 
sie in einer äußerst fidelen Gesellschaft 
und zuleßt hatte Tylli wohl einen kleinen 
Schwips. 1 ylli erinnert sich dessen nicht 
mehr so genau, nur daß Ilka sie am 
Ende die Treppe von dem Auto aus bis 
zur Wohnung hinauftrug — das ist für 
ihre kraftvolle Persönlichkeit eine kleine 
Leistung. 
„Sei doch vernünftig, Tylli!“ schmei 
chelt jeßt die Stimme der schönen 
Sängerin, denn der Troßkopf liegt noch 
immer regungslos auf dem Teppich, hat 
ihr nun den Rücken zugedreht und spricht 
kein Wort. 
„Zuerst sei du's“, ist die in eigen 
sinnigem Ton gegebene Antwort. „Wer 
hat wieder angefangen, du oder ich, zu 
zanken? Ich kümmere mich den Teufel 
um deine Herrengesellschaft — was 
gehen dich also in aller Welt meine Be 
kanntschaften an?“ Sie knabbert mit
        
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