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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

„Ich iiabe spekuliert wollte mal 
einen guten Schnitt machen —" „Und 
nun ging der Schnitt ins eigene Fleisch!" 
„Ja — ich hätte Dir so gerne das Kollier 
gekauft!“ — „Und nun kricgts eine an 
dere — ich hasse sie!“— „Und die wunder- 
zarte Batistwäsche — Du weißt! Ich sehe 
Dich so gerne in Hemdchen und Höschen.“ 
„Und nun wird den Seidenhauch eine 
andere tragen, und mein einziger Kummer 
ist, daß Du sie nicht sehen wirst." 
„Nein,“murmelte er traurig, „ich werde 
sie nicht sehen — sie nicht und Dich nicht 
— und überhaupt keine mehr. — Du siehst 
mich fragend an? Ja,“ seufzte er aus der 
Tiefe seines Herzens, „ich habe mir überlegt; ohne Geld 
kann man doch nicht leben, nicht wahr?“—„Nein — inderTat!“ 
„Wenn wir also kein Geld mehr haben —" 
„So können wir nidit mehr leben!“ schrie sie auf — 
und verstummte sogleich, als sie sein kummervolles Nicken 
sah. Sie drückte ihr Taschentuch an die Augen, ihr Busen 
wogte in heftiger Erregung, aber sie bezwang die Tränen. 
„Du hast recht, Michel!" begann sie nadi einer Weile; 
„wir sind an ein wenig Luxus gewöhnt. Idi kann nicht 
Sdieuerfrau werden, wenn dieser Beruf auch noch so viel 
clnbringt. Und Du mit Deinen zarten Fingern — willst 
ITu Müllkutscher werden?“ 
„Man könnte sich ja als Schieber versudicn," meinte er 
kleinlaut. Da aber kidierte sie hell auf: „Du, Michel — 
als Sdücber! Brave, biedere, treue Seele, anständig bis auf 
die Hühneraugen ! Nein, zum Schieber bist Du nicht ge 
boren, dieser Beruf erfordert mehr —“ Und sie tippte ihm 
auf die Stirn. 
„Eben,“ gab er zu, „idi kenne meine Fähigkeiten 
oder vielmehr meine Unfähigkeiten. Ich habe mir auch 
gedacht: sollen wir beide ungeschickten Leute plö^lich den 
Kampf mit dem Dasein aufnehmen, um schließlich dabei 
alt und häßlich zu werden? Nein, lieber in Schönheit 
sterben — wie es die alten Römer taten!“ 
„Ja, Liebster, in Schönheit sterben!“ deklamierte sie 
schwärmerisch; „noch einmal alle Genüsse des Lebens aus 
kosten — und dann den schalen, faden Rest wegwerfen! 
Man wird uns, die Häupter mit Rosen umkränzt, noch im 
Tode innig vereint, im Bette finden —" 
„Ja, meinst Du?“ zweifelte er. 
„Natürlich noch im Tode vereint! Man wird uns 
nicht trennen können — man wird uns in einen Sarg legen 
— eine Flamme, Symbol unserer heißen Liebe, wird uns 
verzehren —“ — — „Prost Mahlzeit!“ brach 
er ekstatisch los. „Wie liebe ich Dich I apfere 
erst jet^t — angesichts des Todes! Auf, Liebste, 
laß uns den Abschied feiern! Verprassen wil 
den Rest unseres Besitzes! 
Trunken vor Wonne sol 
len unsere Seelen ver 
eint ins bessere Jenseits 
schweben!“ 
* 
Spät nachts kehr 
ten sic nach Hause 
zurück. Sektgeister 
huschten mit ihnen 
heim, spukten umher, 
tanzten mit süßer Nek- 
kerei auf der Schwelle, 
die I odund Lebentrennt. 
„Zum lebten Male ent 
kleide mich!“ flüsterte 
sie mit holdem Lächeln, 
und er gehorchte mit 
Eifer. Kleidchen und 
Röckchen flogen — sie 
stand, wie er so gerne 
sic sah — schon hielt er 
sie kosend im Arme. 
,,W eich süßer Abschied!“ 
lispelte sie in seine Küsse 
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und wieder: „Welch süßer Abschied! 
Noch oft — laß uns so süßen Abschied 
nehmen !“ Und er gehorchte mitEifer. 
Dann griff er zuGläsern undGift mischte 
den lebten frank. Sie selten sich zu 
recht — sahen sich unentwegt in die 
Augen — leerten andächtig die Gläser — 
sanken zurück in die Kissen — fanden sich 
bald in letzter Umarmung — schwächer 
wurde Atem und Herzschlag in wenigen 
Minuten waren die Lebensmüden ent 
schlummert. 
Erna erwachte am hellen Morgen — 
erschrak — rüttelte den schlafenden Michel 
wach; „Du! Sind wir eigentlich tot?" — „Es scheint so!" 
brummte er verschlafen: „jedenfalls hat das Gift bei mir 
furchtbar gewirkt, cs war ein Darmgift — die ganze Nacht 
trieb’s mich vom Bett zum — Du weißt schon. Ich war 
wütend. Du schlummertest so ruhig hinüber, und ich mußte 
so grausamen Todes sterben.“ Sie sah ihn ernsthaft an: 
„Du, Michel, Du hast Dich wohl lustig gemacht!" Ein 
freundliches Blinzeln war die Antwort. Er streckte die Arme 
nach ihr: „Liebste, laß uns Wiedersehen feiern!“ Aber sie 
entwich, sprang, zitternd vor Erregung, aus dem Bett, war 
im Nu in den Kleidern. „Gut!“ zischte sie, „daß ich heute 
Nacht die Frisur nicht löste! Leb wohl! Das Geld ist ja 
garnicht verloren, Du Schwindler! Du wolltest mich bloß 
auf die Probe stellen! Ich sehe jet^t das heimtückische Spiel 
Deiner Eifersucht. Du hast kein Vertrauen zu mir jetjt 
hübe ich keins zu Dir! Leb wohl!“ 
Ehe sich Michel von seinem Entsetzen erholte, war sie 
längst entschwunden. Aber nun — rasch in die Kleider! 
Im Augenblick war er fertig —. wohin? Zu Oskar! Ein 
Auto! Los, was der Motor hergibt! Am Ziel! Er fiel in 
die Sofaecke — stöhnend, ächzend, graubleich. Da trat auch 
Anton herein. Ernst hörten die Freunde Michels Bericht. 
„Na, Gott sei Dank, daß Ihr wenigstens noch lebt! Erna 
wird mit sich reden lassen,“ tröstete Oskar. „Ja, wenn ich 
nur wüßte, wo sie steckt!" — „J-lach dieser Nacht wird sie 
etwas schwach auf den Beinen sein — weit ist sic sicher 
nicht gekommen." — „Jedenfalls hat sie die Probe glänzend 
bestanden!“ konstatierte Oskar. Mit diesen Worten ging 
er in sein Schlafzimmer. Erna saß drin auf dem Bett, sic 
küßten sich herzhaft. „Hab Dank, Geliebter, die Kur war gut." 
„Sollten sich wieder Symptome zeigen, so melde sie bei 
zeiten! Jetzt hinein zu ihm! Wann sehen wir drei uns wieder?“ 
fragte er noch, aufs Bett weisend. „Laß mich erst mal 
wieder lebendig wer 
den!“ gab sie lachend 
zurück. Dann traten sie 
ins Zimmer. Entgeistert 
starrte Michel Erna an: 
„Hier finde ich Dich?“ 
„Was sonst?" gab siezu- 
rück; „Oskar ist doch, 
wie Du mirsagtestjNach- 
laßverwalter, also mußte 
ich mich an ihn wenden." 
„Jawohl !“bekräftigteOs- 
kar, und nun richteten alle 
drei abwechselnd bitter 
ernste Ermahnungen an 
dcnzerknirschtenMichcl. 
„Sei dankbar“, schloßOs- 
kar, „daß Erna Dir diesen 
Streich verzeiht! Aber so 
etwas darf nidit wieder 
Vorkommen! — So, na, 
versöhnt Euch !"Sie lagen 
sidi in den Armen,Michel 
und Erna — und hatten 
beide denselben Gedan 
ken: Kollier - batistenen 
Hemdchen und Höschen 
kaufen — ! „Sie anzupro- 
bicren helfen wir Euch“, 
riefen Oskar und Anton!!
        
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