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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

Von H ans 
rna stülpte den Hut über den Wuschelkopf und 
musterte dabei im Spiegel ihr Gesicht. 
»Sdiön ramponiert wieder mal!« konstatierte sie 
mit Bedauern, in dem doch einewohligeBefriedigungmilklang. 
»Ja«, laditc Oskar achsclzuckend, »was kann idi dafür, 
daß Du so ein süßes, süßes Kerlchen bist!« Br umfing sie, 
während sie an ihrem Schleier nestelte, bog ihren Kopf 
zurück, und ihre Lippen versdunolzen zu einem Kusse, der 
sie von neuem die Welt vergessen ließ. 
Endlicherwachte Erna: »Liebster, idi muß eilen! Mein 
teurer Gatte wartet vielleicht sdion — und verzehrt sidi 
In Eifersucht — und mich dazu! Und ein wenig erholen 
muß idi mich auch — nach diesen Strapazen!« 
»Für neue Strapazen, Du Fleißige!« 
»Wenn Midiei die dunkeln Ringe unterden Augen sieht— « 
»Wird er aus seinem Phlegma erwachen - hoffentlich! 
Nichts ist reizender als eine Frau, die im Liebeskampf er 
mattete«. — »Wenn nur sein Sdiarfsinn nidit erwacht! 
Wehe uns, entdeckte er unsere heimlichen Feste!« 
»Er ist mein Sdnilfreund, der gute Michel! Naiv bis 
zur Dämlidikeit, vertraut er allen Menschen.« 
»Nur nidit seiner Frau!« — »Na, so dämlich ist er denn 
doch nicht!« — »Er quält mich furchtbar mit seiner Eifer 
sucht — und sich wohl nodi mehr.« 
»Soll ich ihn mal in die Kur nehmen?« 
»O, wenn Du das könntest!« jubelte sie an seinem Halse. 
»Er ist Oppositionsgeist von Natur«, überlegte Oskar, 
»man müßte den Geist des Widerspruchs gegen den Geist 
der Eifersucht zu Felde sdiicken. — Komm einmal her, Kleine! 
Nur nodi eine Minute! Komm — setz Didi auf meine Kniee! 
- leih mir Dein Öhrdicn erst zum Küssen, dann zur Offen 
barung meines Planes! — Mein süßer Schatz!« 
»Wenn Du midi immer küssest, wirst Du im Leben 
nidit fertig! — Nun aber genug! — Idi sdilagc Deine dreiste 
Hand — ätsdi! nun habe idi sie zwischen die Knie ge 
klemmt! — Also bitte Deinen Plan! — Gott, bist Du un 
gezogen!« — Sie flüstern ein Weniges, dann sdilüpft, den 
letzten Kuß auf den Lippen, Erna behend aus dem Zimmer. 
* 
»Solche Ansichten«, widersprach Michel den beiden 
Freunden, mit denen er den herbst 
lichen Wald durdnvanderte, »kann 
man nur haben, wenn man sehr üble 
Erfahrungen gemadit hat. Habt Ihr 
nie eine treue Frau gesehen?« 
»Nein!« riefen die beiden ein 
stimmig, und Oskar fügte hinzu; 
»Wenn eine Frau so häßlich ist, daß 
sie treu wäre, kommt sie als Liebes- 
objekt überhaupt nidit in Frage.« 
»Und nie einen treuen Mann?« 
»Nein!« wiederholten die beiden 
ladiend, und Anton fügte hinzu; 
»Wenn ein Mann so schlapp ist, daß 
er treu wäre, kommt er überhaupt 
nidit in die Verlegenheit, seine 
I reue zu beweisen.« 
»Nun wohl, so seht mich an! Ich 
bin meiner Erna treu, und sie hält 
mir wiederum die freue — und wir 
sind beide junges Blut — und Erna 
ist, ich kann es eudi verraten, ein 
sehr, sehr süßes Gesdiöpf. Unsere 
Liebe ist Hingabe, ist Selsbtentäuße- 
rung; idi lebe für Erna und sie für 
mich, und es gibt keine Überlegung, 
die selbstischen Vorteil bezweckte.« 
Lu n g w i t z 
»Ihr lebt für einander — würdet Ihr auch für einander 
sterben?« fragte Oskar. 
»Unbedingt!« beteuerte Midiei, die Hand auf dem Herzen. 
»Behaupten läßt sidi das leicht!« lachte Anton. »Man 
kann ja dodi die Probe aufs Exempel nidit machen.« 
»Natürlidi!« stimmte Oskar bei, »idi möchte Erna sehen, 
wenn der Teufel Didi holen würde und sie sollte für Didi mit 
gehen!— Freilich, es gibt ja audi sehr liebenswürdige Teufel!« 
»Bist Du gar nicht eifersüditig?« reizte Anton den Freund 
von neuem. — »Idi bin doch nidit blödsinnig! Erna mit Eifer 
sucht zu kränken, zu beleidigen —nee, Kinder, idi weiß midi an 
genehmer mit meiner Frau zu beschäftigen. — Aber — idi will 
Eudi etwas sagen—mirist eben eine Idee gekommen: ich wer 
de Euch beweisen, daß Erna treu ist bis über das Grab hinaus!« 
»Um Gottes willen! willst C>u sie umbringen?« »Sie und mich!« 
»Es ist jetzt schon redit kalt auf dem Friedhof; Ihr werdet 
Euch einen Schnupfen holen«.— »Also bitte - in vollem Ernste: 
wir werden gemeinsam sterben! DenNadilaß müßt Ihr ordnen.« 
»Zum Leidicnsdimaus seid Ihr eingeladen; Petrus muß 
Euch Urlaub geben.« — »Gut, abgemadit! Hört zu, wie 
sidi die Tragödie abspiclen wird!« 
* 
»Was ist eigentlidi mit Dir?« fragte Erna bestürzt ihren 
Michel; »den ganzen Abend sitzt Du herum — bleidi, 
finster, ernsf, sdiweigsam — « 
»Ach laß. Liebste! Soll idi Dir audi noch das Herz sdiwer 
madien!« — »Jedenfalls sollst Du Dir das Herz erleiditern.« 
»Adi — es ist nichts — Du täuschst Dich«, ladite er 
gezwungen und versudite in sein Zimmer zu verschwinden. 
»Halt! Hiergcblieben — oder idi gehe mit!« drohte Erna. 
Sie hing sich an seinen Hals und flehte von neuem: »Es ist 
doch etwas, Midiei! Sag mir es doch, was Didi bedrückt!« 
Er weigerte sich noch ein wenig. Schließlich zog er sie 
zu sich aufs Sofa und schickte sich an zu beichten: »Sieh 
mal, Kind, wir sind an ein behagliches Leben gewöhnt. 
Sorgen haben wir keine. Ich verdiene freilich nicht eben 
v,e b .ciber unser Kapital gewährt uns sicliere Existenz.« 
Sie lachte ihn aus: »Na, ich dächte, das wäre mir ja 
wohl nichts Neues.« — »Ja — na, siehst Du, wenn wir nun 
mal unser Geld verlieren sollten — teilweise natürlich — 
oder— wer weiß— es könnte sein — « 
»Michel!« schrie sie auf, »ist es 
futsch?« 
»Na— ich meine nur— es könnte 
doch mal der Fall eintreten — kein 
Besitz ist sicher.« 
»Spanne mich nicht auf die Folter, 
Michel! IstdasGeldweg:jaodernein?« 
Er begann zu nicken — zaghaft, 
zum Rückzug bereit.- » Allmäditiger!« 
entrang sichs Ernas erblichenen Lip 
pen, und halb bewußtlos sank sie in 
seine Arme. Erschüttert bet 
tete er sie aufs Sofa. 
»Aber, Liebste, ist Dir das 
so entschlich! Und ich dachte. Du 
hättest kein Herz für den Mammon, 
sondern nur für midi!« 
Sie blinzelte ihn aus halb ge 
schlossenen Lidern an: »Ach, es war 
nur der erste Schreck! Mir ist eis 
kalt geworden — fast blieb mir der 
Pulsschlag stehen. — »Mein Gott! So 
sind wir also arm!« — »Ganz arm — 
alles zum leufel!« flüsterte er ge 
senkten Angesichts. —»Aber wie kam 
denn das?« begehrte sie zu wissen. 
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