Path:

Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

77 
Skizze von 
Hedwig Stephan 
O ben in der Kanzlei, im vierten Stock des riesigen Prachtbaues 
der Haftpflichtversicherungs - Gesellschaft „Veritas“ wird 
großer Kriegsrat gehalten. 
Da sitzt die Abteilungsvorsteherin, eine hagere, ältere Dame 
mit raubvogelartigem Profil, neben ihr Fräulem Tenderling, blaß 
blond und nichtssagend, und ihnen gegenüber Fräulein Müller, die 
die Unfallsachen bearbeitet, eine üppige Brünette mit Pockennarben 
und leichtem Schnurrbartanflug über den dicken Lippen. Sie beugt 
sich weit über den Tisch und flüstert erregt: „Ja, es ist wirklich 
skandalös. So ein Herumkokettieren und Augenwerfen — und wenn 
einer von den Herren Akten heraufbringt, bleibt er mindestens eine 
Viertelstunde bei ihr stehen, und ein Getue und Gekicher gibt's, 
daß man schamrot werden möchte!“ 
Die Blaßblonde nickte lebhaft bestätigend. 
„Ja, und denken Sie bloß — wie ich gestern zur 
Kasse heruntergehe, da steht sie in der Ecke bei der 
Treppe mit Herrn Maaß von der Statistik, und “ 
Sie tuschelt der Abteilungsvorsteherin etwas ins 
Ohr, und die schüttelt entrüstet den Kopf. 
„Das ist ja unerhört! Solche Elemente dürfen 
wir entschieden nicht bei uns dulden — ich werde 
noch heute mit dem Direktor darüber sprechen.“ 
Inzwischen sitzt die bildschöne Sünderin im 
Nebenzimmer an der Schreibmaschine und tippt 
nach dem Diktat eines vor ihr stehenden jungen 
Mannes. Aber alle Augenblicke hebt sie die 
Walze ihrer „Smith Premier“ in die Höhe und greift 
nach dem Radiergummi. 
„Na Fräulein, was ist denn das? Sie sind 
heut so nervös?“ wunderte 
sich der Jüngling. 
Wanda Jänisch seufzt. 
„Ach Gott ja — die 
alten Hexen da drin haben 
wieder etwas vor mit mir — 
gestern kam die Tender- 
bng' ja gerade dazu, als 
wir im Korridor zusammen 
sprachen — den Blick 
hätten Sie nachher sehen 
sollen. So spitz wie ’ne 
Nähnadel! Ich möchte wet 
ten, daß sie mich unten 
verklatscht hat!“ 
Der stellvertretende Di 
rektor, ein wohlkonservier 
ter Vierziger mit gepflegten 
Händen und einem Brillant 
ring am kleinen Finger, ist 
sehr wenig erbaut von dem, 
was ihm die erste Kanzlistin da mit züchtigem Augenniederschlag 
vorgetragen hat. 
„Verflixte Weiberwirtschaft!“ brummt er und beschließt, bei 
der nächsten Vorstandssitzung für Abschaffung der Damenarbeit 
zu plädieren. 
Einstweilen aber — natürlich, es muß ein Exempel statuiert 
werden — schließlich ist das Büro doch nicht dazu da, daß kleine 
Mädchen Verhältnisse anbandeln. 
Er greift nach seinem Tischtelephon und gibt einen Auftrag. 
Als es wenige Minuten später leise klopft, wendet er halb den 
Kopf, setzt aber sofort den Klemmer auf und mustert die volle 
Gestalt im kurzen Rock und den hellen hohen Stiefelchen mit 
prüfenden Blicken. 
„Bitte, Fräulein — wollen Sie nähertreten. Ich habe da — 
hm — allerhand gehört, was sich mit dem Interesse des Dienstes 
nicht vereinbaren läßt. Sie sollen — hm hm — nicht immer die 
Zurückhaltung gezeigt haben, die wir von unsern weiblichen An 
gestellten unbedingt verlangen müssen. Ja und deshalb, Fräulein 
— Io leid es mir tut — —“ 
Wanda Jänisch wirft den Lockenkopf zurück und streicht mit 
beiden Händen an ihrem Rock herunter. 
„Gott, Herr Direktor, das sind ja bloß Klatschereien — der 
reine Neid der besitzlosen Klasse! Ueber- 
haupt — der Herr Maaß verkehrt bei 
uns zu Haus — und wenn ich da mal 
ein paar Worte mit ihm rede, das 
ist doch kein Verbrechen! Aber 
wenn Herr Direktor wünscht — ge 
wiß, ich kann ja gehen — ich finde 
leicht wieder ’ne gute Stellung — 
und die andern Damen werden sich 
nicht schlecht freuen, daß sie mich 
glücklich rausgebissen haben.“ 
Sie legt den runden weißen Arm 
über die Augen und markiert ein 
Schluchzen. 
Der Direktor räuspert sich, steht auf 
und tritt näher an sie heran. 
„Sagen Sie, liebes Fräulein, der 
Herr Maaß —“ er stockt und fährt 
dann fort, unsicher, als müßte er erst 
das Terrain sondieren: „ist der — ich 
meine — sind Sie denn mit ihm ver 
lobt, oder —?“ 
Wanda nimmt den Arm fort — 
unter den halbgesenkten Lidern her 
vor trifft den Direktor ein flimmern 
der Blick. 
„I bewahre — ich mach’ mir gar- 
nichts aus ihm. Bloß er — Gott, 
schließlich, ich kann doch nichts da 
für, wenn er so schrecklich in mich ver 
liebt ist, nicht wahr?“ 
Sie macht eine halbe Drehung, 
sodaß ihr Kopf fast seine Schul 
tern berührt, öffnet ein wenig die 
sehr roten Lippen und lächelt zu ihm 
hinauf — — — 
Vom nächsten Ersten ab ist Fräulein Jänisch Privatsekretärin 
des Direktors, hat ein eigenes Zimmer im ersten Stock und 800 Mk. 
Monatsgehalt. 
Die Kanzlei bekommt einen „Wischer“ und die Androhung sofor 
tiger Kündigung, falls nochmals „jeder Begründung entbehrende“ 
Klatschereien in Umlauf gebracht werden. 
Und der Direktor vergißt bei der nächsten Vorstandssilzung 
ganz und gar für Abschaffung der Damenarbeit zu plädieren.
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.